Lichen planus (Übersicht) L43.-

Autoren: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer, Julian Baur

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Zuletzt aktualisiert am: 02.09.2021

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Synonym(e)

LIchen ruber; Lichen ruber planus

Erstbeschreiber

Wilson, 1869

Definition

Nicht kontagiöse, subakut bis chronisch verlaufende, ausgeprägt juckende, selbstlimitierte (Erkrankungsdauer zwischen 1 Monat und 10 Jahren), inflammatorische Erkrankung der Haut- und/oder Schleimhäute ungeklärter Ätiologie, mit typischer klinischer (wie poliert glänzende Papeln) und histologischer Morphologie (Zerstörung basaler Keratinozyten durch zytotoxische T-Zellen, lichenoide Inflammation) und einem charakteristischem, häufig beugeseitig betontem Verteilungsmuster. Der Lichen (ruber) planus ist durch eine charakteristische "lichenoide Gewebereaktion" gekennzeichnet, die auch bei anderen inflammatorischen  Prozessen der Haut z.B. bei lichenoiden Arzneimittelreaktionen, bei einer "Graft-versus-Host Reaktion" beim initialen Lichen sclerosus, beim Erythema dyschromicum perstans oder auch bei aktinischen Keratosen das histologische Bild prägen kann.   

Einteilung

Je nach der klinischen Morphologie und dem Verteilungsmuster kann der Lichen planus wie folgt unterteilt werden:

Klassifikation nach Verteilungsmuster:

  1. Lichen planus exanthematicus (generalisierter Lichen planus)
  2. Lokalisierter Lichen planus
  3. Erythrodermischer Lichen planus
  4. Lichen planus linearis (Lichen planus striatus)
    • Blaschkoider LP
    • Zosteriformer LP
  5. Inverser LP
  6. Lichen planus mucosae
  7. Lichen planus genitalis (Genitaler Lichen planus; s.a.u. Lichen planus vulvae)
  8. Lichen planus der Nägel

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Klassifikation nach klinischem Erscheinungsbild:

  1. Lichen planus klassischer Typ
  2. Lichen planus actinicus
  3. Lichen planus anularis
  4. Lichen planus verrucosus
  5. Lichen planus follicularis 
  6. Graham-Little-Syndrom
  7. Lichen planus hypertrophicus
  8. Lichen planus atrophicans
  9. Lichen planus erosivus (Erosiver Lichen planus)
  10. Lichen planus pigmentosus
  11. Lichen planus bullosus
  12. Lichen planus pemphigoides
  13. Invisibler Lichen planus (pruritisch ohne eindeutige klinische Zeichen des LP; ehenmals Lichen discretus).
  14. Overlap Syndrome:

Vorkommen/Epidemiologie

Prävalenz: 0,6%-1,2% der (erwachsenen) Bevölkerung.

Bis zu 25% der Pat. haben einen isolierten Lichen planus der Schleimhaut (s.u. Lichen planus mucosae).

Familiärer Lichen planus ist selten. Etwa 100 Fälle sind dokumentiert.

Ätiopathogenese

Autoimmunreaktion: Bis heute wird die Ätiologie und Pathogenese des Lichen planus nicht vollständig verstanden. Es bestehen Korrelationen zu Autoimmunerkrankungen, viralen Infekten, Medikamenten (s. Lichen planus e medicatione) sowie mechanischen Triggerfaktoren (Kratzen, Reiben, etc.). LP-artige Läsionen treten bei chronischer Graft-versus-Host-Disease (GVHD) auf, bei der alloreaktive, zytotoxische T-Zellen und Antikörper, die fremde MHC-Moleküle erkennen, entscheidende Effektoren sind. Familiärer Lichen planus ist bekannt (selten).

Die morphologische Analogie der dermatitischen Reaktionen führt zur Hypothese, dass beim Lichen planus eine Autoimmunreaktion gegen Epitope basaler Keratinozyten, die durch virale oder medikamentöse Induktion modifiziert wurden, vorliegt. Auffällig ist die deutliche Vermerhung antigenpräsentierender Zellen (APZ) in frühen Läsionen des LP. 

Unstrittig ist, dass die apoptotische Zerstörung der basalen Keratinozyten die gemeinsame Endstrecke der LP-Reaktion darstellt (diese spielt sicherlich auch bei anderen Autoimmunerkrankungen der Haut, z.B. LE, eine bedeutende Rolle). Als deren Ursache werden Liganden-Rezeptor-abhängige Fehlregulationen ( TNF-alpha/TNFR1 = TNF-alpha-Rezeptor) diskutiert. 

Ebenso diskutiert wird die bei der Apoptose bekannte, direkte "Porenbildung" durch Perforin und der nachfolgende enzymatische Abbau durch Serinproteasen (s.u. Granzyme B).

Weitere ätiopathogentische Assoziationen:    

  • Virale Antigene scheinen in der Ätiopathogenese des Lichen planus eine bevorzugte Rolle zu spielen. Die Prävalenz von HCV/HBV-Infektionen (Hepatitis C/B) ist beim Lichen planus 13,5 fach höher als bei Kontrollen. Beim oralen Lichen planus konnten in einem hohen Prozentsatz HCV-RNA und TTV-DNA (Transfusion-transmitted-virus) in läsionaler Schleimhaut nachgewiesen werden. Das Auftreten von Lichen planus nach HBV-Vakzine ist beschrieben. Die ätiopathogenetische Bedeutung zu HHV-7/HHV-8 ist nicht eindeutig belegbar.
  • Diabetes mellitus: Auffallend häufig ist eine Assoziation von Lichen planus und Diabetes mellitus. Bei jedem 2. Patient besteht eine Störung des Glukose-Stoffwechsels und bei jedem 4. ein manifester Diabetes mellitus.
  • Kontaktallergene: Die Rolle von Kontaktallergien gegen eine Reihe von Metallsalzen (Gold, Amalgam, Kupfer) ist beim oralen Lichen planus gut bekannt. Hierbei wird diskutiert, dass diese Antigene nach Art von Haptenen eine LP-Reaktion auslösen können.
  • Medikamente: Als medikamentöse Auslöser kommen Betarezeptorenblocker, Interferone, Chloroquin und Nichtsteroidale Antiphlogistika in Betracht.
  • Paraneoplasie: Vereinzelt existieren Berichte über einen paraneoplastischen Lichen planus. Eine Assoziation mit Thymom ist beschrieben (s.u. Good-Syndrom)

Ätiopathogenese

Bis heute wird die Ätiologie und Pathogenese des Lichen  planus (LP) nicht vollständig verstanden. Die ist umso erstaunlicher als die Erkrankung seit 1869 (Wilson) distinkt beschrieben ist. Signifikante Beziehungen zu einem bestimmten HLA-Phänotyp sind nicht nachweisbar. Es bestehen wenig scharf umrissene Korrelationen zu Autoimmunerkrankungen, zu viralen Infekten, zu Medikamenten (s. Lichen planus e medicatione) sowie zu mechanischen Triggerfaktoren (Kratzen, Reiben, etc. kann zur Isomorphie führen; s. a. Köbner-Phänomen). LP-artige Läsionen treten bei chronischer Graft-versus-Host-Disease (GVHD) auf, bei der alloreaktive, zytotoxische T-Zellen und Antikörper, die fremde MHC-Moleküle erkennen, entscheidende Effektoren sind. Familiärer Lichen planus ist bekannt, wenn auch sehr selten.

Auch die morphologische Pathogenese ist nicht vollständig geklärt (Vogt T (2018). Die morphologische Analogie der lichenoiden dermatitischen Reaktionen führte zur Hypothese, dass beim Lichen planus eine Autoimmunreaktion gegen Epitope basaler Keratinozyten vorliegt, die durch virale oder medikamentöse Induktion modifiziert bzw. induziert wurde. Auffällig ist die deutliche Vermehrung antigenpräsentierender Zellen (APZ), im Wesentlichen sind es Langerhans-Zellen, die in frühen Läsionen des LP nachweisbar sind. Die APZs werden möglicherweise durch die Keratinozyten selbst, möglicherweise über eine fehlerhafte Zytokinproduktion angelockt. Letztlich bleibt die Natur der Autoantigene bisher unklar. Die antigenpräsentierenden Zellen aktivieren autoreagible T-Zellen, die weitere proinflammatorische Zytokine produzieren. Hierbei scheint das Th1-Zytokin Interferon-gamma eine Schlüsselrolle zu spielen.

Unstrittig ist, dass die apoptotische Zerstörung der basalen Keratinozyten die gemeinsame Endstrecke der LP-Reaktion darstellt. Als deren Ursache werden Liganden-Rezeptor-abhängige Fehlregulationen (TNF-alpha/TNFR1 = TNF-alpha-Rezeptor) diskutiert. Keratinozyten gehen schließlich unter durch eine Interaktion von FasL, dem aktivierenden Liganden des Fas-Rezeptors, und Fas. Weiterhin kommt es zur Expression Membran-schädigender Perforine die eine direkte "Porenbildung" in der Zellmembran verursachen mit nachfolgender Freisetzung von enzymatisch wirkenden Serinproteasen (s.u. Granzyme B) aus den T-Zellen. Aus dieser zytotoxischen Aktivitäten erklären sich Vakuolisierung, Pigmentinkontinenz (Verlust von Melanin die die Dermis), apoptotische Kamino-Körperchen als morphologische Phänomene der lichenoiden Reaktion.  

Weitere ätiopathogentische Assoziationen:

  • Ungeklärt ist die Frage warum im Unterschied zur Graft-versus-Host-Reaktion beim Lichen planus nur Haut und Schleimhäute betroffen sind, die Systembeteiligung die die GvHD auszeichnet fehlt. Postuliert wird ein epidermisspezifisches, bisher unbekanntes Autoantigen. Dafür spricht auch die Initiierung der lichenoiden Inflammation durch mechanische Triggerung. Dafür spricht ebenfalls, dass der LP nur am Plattenepithel exprimiert wird (Haut, hautnahe Schleimhäute, Ösophagus).         
  • Virale Antigene scheinen in der Ätiopathogenese des Lichen planus eine additive Rolle zu spielen. Die Prävalenz von HCV/HBV-Infektionen (Hepatitis C/B) ist beim Lichen planus 13,5 fach höher als bei Kontrollen. Beim oralen Lichen planus konnten in einem hohen Prozentsatz HCV-RNA und TTV-DNA (Transfusion-transmitted-virus) in läsionaler Schleimhaut nachgewiesen werden. Das Auftreten von Lichen planus nach HBV-Vakzine ist beschrieben. Es wird postuliert, dass viral alterierte Hepatozyten antigene Epitope mit Homologien zu Keratinozytenantigenen exprimieren und auf diese Weise  autoreaktive zytotoxischen T-Zellen aktivieren. Hierzu im Gegensatz ist die ätiopathogenetische Bedeutung des Lichen planus zu HHV-7/HHV-8 ist nicht eindeutig belegbar.
  • Diabetes mellitus: Auffallend häufig ist eine Assoziation von Lichen planus und Diabetes mellitus. Bei jedem 2. Patient besteht eine Störung des Glukose-Stoffwechsels und bei jedem 4. ein manifester Diabetes mellitus.
  • Kontaktallergene: Die Rolle von Kontaktallergien gegen eine Reihe von Metallsalzen (Gold, Amalgam, Kupfer) ist beim oralen Lichen planus gut bekannt. Hierbei wird diskutiert, dass diese Antigene nach Art von Haptenen eine Lichen-planus-Reaktion auslösen können.
  • Medikamente: Als medikamentöse Auslöser kommen Betarezeptorenblocker, Interferone, Chloroquin und Nichtsteroidale Antiphlogistika in Betracht.
  • Paraneoplasie: Vereinzelt existieren Berichte über einen paraneoplastischen Lichen planus. Eine Assoziation mit Thymomen ist beschrieben (s.u. Good-Syndrom)

Manifestation

Bevorzugt bei Erwachsenen vom 3. bis 6. Lebensjahrzehnt auftretend, selten bei Kindern (etwa 1-4% der Fälle). Keine ethnische Prädisposition. Frauen scheinen etwas häufiger als Männer zu erkranken (Schilling et al. 2018).

Lokalisation

Bevorzugt findet sich der Lichen planus an den Schleimhäuten (65%), oft an Haut und Schleimhäuten (20%) und seltener isoliert an der Haut (10%).

Durch Beteiligung der Nägel und Haare kann es zu dauerhaften Nageldystrophie bzw. zur vernarbenden irreversiblen Alopezie kommen. 

Im Einzelnen wwerden folgende Nagelveränderungen beschrieben (zitiert n. H. Hamm et al. 2018):

 

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

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Zuletzt aktualisiert am: 02.09.2021