Synonym(e)
Definition
Lokalisiert oder generalisiert auftretendes, vermehrtes Schwitzen mit übermäßiger Steigerung der ekkrinen und/oder apokrinen Sekretion von Schweiß unterschiedlicher Ätiologie.
- Die primäre Hyperhidrose (auch primäre fokale Hyperhidrose) wird als idiopathische, bilaterale, weitgehend symmetrische, nicht-physiologische Störung (Erkrankung) beschrieben.
- Die sekundäre Hyperhidrose tritt im Rahmen von Grunderkrankungen auf.
Für Studien wurde für die Hyperhidrosis palmaris eine Ruheschweißsekretion von > 20 mg/Handfläche/Min. definiert, für die Hyperhidrosis axillaris von > 50 mg/Axilla/Min.
Einteilung
Eine grundsätzliche Einteilung erfolgt danach, ob die Hyperhidrose idiopathisch (primäre Hyperhidrose) oder im Rahmen von Grunderkrankungen (sekundäre Hyperhidrose) auftritt. Bei der primären Hyperhidrose erfolgt eine weitere Unterteilung nach ihrer Lokalisation (z.B. axillär). Je nach Auftreten der übermäßigen Schweißsekkretion unterscheidet man:
- Primäre (idiopathische) Hyperhidrose ohne erkennbare Grunderkrankung:
- Primäre Hyperhidrose in Kombination mit Begleiterscheinungen:
- Sekundäre Hyperhidrose als Folge anderer Erkrankungen:
- Neuropathische Störungen:
- Plexuslähmungen
- Hemiplegie
- Kompensatorisch (z.B. bei Sympathektomie)
- Karpaltunnelsyndrom
- Halsrippe.
- Endokrinologische Störungen:
- Hyperthyreose
- Klimakterium
- Phäochromozytom
- Adrenogenitales Syndrom.
- Hyperhidrose als Paraneoplasie
- Sonstige Grunderkrankungen:
- Infektionskrankheiten(Tuberkulose, Borreliose)
- Autoimmunerkrankungen
- Hypertonie.
- Seltene Syndrome mit Hyperhidrose:
- Acropathia ulcero-mutilans non-familiaris
- Beri-Beri
- Berlin-Syndrom
- Brünauer-Syndrom
- Burning feet-Syndrom
- Dyskeratosis congenita
- Dysplasie, ektodermale
- Erkrankungen der Epidermolysis bullosa simplex-Gruppe
- Fischer-Syndrom
- Aurikulotemporales Syndrom (Frey-Syndrom)
- Page-Syndrom
- Palmoplantarkeratosen
- Papillon-Lefèvre-Syndrom
- Phakomatosis pigmentokeratotica
- Ross-Syndrom.
- Exogen induzierte Hyperhidrose:
- Neuropathische Störungen:
- Sonderformen:
Auch interessant
Vorkommen/Epidemiologie
Ätiopathogenese
Physiologisch als Temperaturregulativ
Konstitutionell (idiopathisch/primäre Hyperhidrose): Die primäre fokale Hyperhidrose tritt familiär gehäuft auf. In 30-50% der Fälle sind weitere Familienmitglieder betroffen. Über die prädisponierenden Gene ist bisher wenig bekannt (s. hierzu unter Hyperhidrosis palmaris et plantaris).
Hyperhidrosis palmaris et plantaris gehäuft bei Atopikern
Reaktiv bei Infektionen
Bei endokrinen Störungen
Bei Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems (z.B. Horner-Syndrom, Aurikulotemporales Syndrom)
Bei verschiedenen Hauterkrankungen (z.B. Epidermolysis bullosa simplex, Weber-Cockayne, Endangiitis obliterans, Glomustumoren, Maffucci-Syndrom)
Nach Sympathektomie
Iatrogene Auslösung durch Medikamenteneinnahme (s.u. Hyperhidrose, medikamenteninduzierte).
Diagnose
Gründliche Anamnese; wesentliche Größe der Hyperhidrose ist die Einschränkung der Aktivitäten des täglichen Lebens, da sie Ausprägungsgrad und Lebensumfeld in Beziehung setzt.
Zur Bestimmung schwitzender Körperareale ist der Minorsche Schwitzversuch geeignet.
Als einfache Messgröße für das tägliche Arbeiten hat sich der Hyperhidrosis Severity Scale -Test (HDSS) als brauchbar erwiesen.
Therapie
- Anamnese: Eine gründliche Ursachenforschung ist unabdingbar. Die axilläre Hyperhidrose wird symptomatisch behandelt, wofür verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die je nach Lokalisation der Hyperhidrose unterschiedlich sind (s.u. Hyperhidrosis axillaris).
- Vorgehen nach einem kontrollierten Stufenplan:
- Reinigung und Hautpflege: Regelmäßige Hygiene der Achselhöhlen.
- Hierzu gehört das unter Umständen mehrfache tgl. Waschen der Achselhöhlen unter Verwendung desodorierender Syndets oder Seifen (Dermowas®, Sebamed® u.a.).
- Rasieren: Achselhaare entfernen, um Bakterienwachstum (Corynebacterium tenuis) zu hemmen (s. Trichobacteriosis axillaris)
- Deodorants: Auftragen eines Deodorants mehrmals tgl. zur Neutralisierung des unangenehmen Achselgeruchs. Auch Puder haben sich bewährt.
- Bekleidung: Tragen möglichst weit geschnittener, atmungsaktiver Hemden und Unterhemden (keine Kunstfasern, stattdessen Baumwolle). Keine fest anliegenden Kleider.
-
Antihidrotika: Zu den Antitranspiranzien zählen lokal aufgetragene chemische Mittel wie Gerbstoffe, Aldehyde und Aluminiumsalze, die besonders bei axilliärer Hyperhidrose eingesetzt werden. Gängige Präparate sind z.B. Odaban® Spray (20 % Aluminiumchlorid), Antihydral Salbe® (Methenamin) und neu: Axhidrox Creme® (Glycopyrroniumbromid).
- Aluminiumchlorid: Die Dauer der Wirkung variiert je nach individueller Reaktion und Häufigkeit der Anwendungen. Die Wirkung ist nicht dauerhaft, sodass regelmäßige Anwendungen notwendig sind (Griffo R et al. 2025).
- Glycopyrroniumbromid: Glycopyrroniumbromid ein Anticholinergicum steht sowohl in Creme- (Axhidrox Creme®)-als auch in parenteraler Form (Tabletten/Injektionen) zur Verfügung.
- Iontophorese: Einsatz insbesondere bei vermehrtem Hand- und Fußschweiß, teilweise auch bei starkem Achselnässen. Hierbei werden Ionen mittels eines schwachen Gleichstroms aus Medikamenten in die Haut trasnportiert. Dei Therapie kann zu Hause durchgeführt werden. Nicht geeignet ist die Therapie für schwangere Frauen und Patienten mit Herzrhythmusstörungen, Herzschrittmachern oder Endoprothesen. Initial: Therapieversuch mit 10 Min./Tag (Pulsstromgerät) 4-5mal/Woche über 3-4 Wochen. Bei nachgewiesener Wirksamkeit Fortsetzung als Heimtherapie mit 3-4 Behandlungen/Woche.
- Hyperthermische Lokalverfahren: Neuere physikalische Methoden wie Radiofrequenz- Mikrowellen- oder Ultraschalltherapie sollen gezielt Schweißdrüsen zerstören. Sie werden v.a. bei axillärer Hyperhidrose eingesetzt (Stuart ME et al. 2020).
Die Mikronadel-Radiofrequenz (FMR) ist eine relativ neue Methode die zur Behandlung der primären axillären Hyperhidrose eingesetzt wird. Hierbei wird tiefe Wärmeenergie an den apokrinen Schweißdrüsen wirksam (Rummaneethorn P et al. 2020). Der klinische Effekt ist der von Botulinum Toxin unterlegen (Rummaneethorn P et al. 2020).
- Botulinumtoxin: Ein wesentlicher Fortschritt ist die Behandlung durch Botulinumtoxin A. Es führt zu einer Hemmung der Übertragung von Nervenreizen auf die Schweißdrüsenzellen und wird in erster Linie zur Behandlung der axilliären Hyperhidrose eingesetzt. Der Wirkstoff ist für das Präparat Botox für diese Indikation zugelassen. Die Behandlung ist teuer; die Wirkung tritt zuverlässig ein. Sie ist zeitlich begrenzt (6-11 Monate), jedoch bei nachlassendem Effekt wiederholbar. Bewährt hat sich die Unterteilung der hyperhidrotischen Areale in 2 × 2 cm große Hautfelder. Es werden pro Feld 3 MU Botox (Verdünnung: 100 MU Botox/5 ml 0,9% NaCl) fächerförmig intradermal injiziert. Der Therapieerfolg wird nach 2-3 Wochen kontrolliert. Noch verbleibende hyperhidrotische Areale können ggf. nachinjiziert werden. Nebenwirkung: Schmerzhaftigkeit der Injektionen. Therapien mit Botulinumtoxin gehören in die Hand des erfahrenen Arztes!
- Systemtherapie:
- Anticholinergika (z.B. Methantheliniumbromid (Vagantin®) oder Bornaprin (Sormodren®).
- Naturheilkundlich stehen für die systemische Anwendung Salbeiprodukte (z.B. Sweatosan® N) zur Verfügung.
- Operative Behandlungen:
- Nach Versagen aller konservativer Methoden können je nach Lokalisation verschiedene operative Methoden in Betracht gezogen werden (s.u. Hyperhidrosis axillaris). Bei der axillären Hyperhidrose können u.a. Schweißdrüsenkurettage, Schweißdrüsensaugkurettage und Exzision der Schweißdrüsenareale mit konsekutiver Defektdeckung angewendet werden.
- Bei der Hyperhidrosis pedum et manuum, wie auch beim profusen Ganzkörperschwitzen kann bei Versagen anderer Therapieoptionen die endoskopisch thransthorakale Sympathektomie in Erwägung gezogen werden. Die Methode erfolgt als minimal invasiver Eingriff über einen endoskopischen Zugang; sie ist effektiv und dauerhaft wirksam. 2 große Nebenwirkungen wurden beschrieben: Postoperativer Pneumothorax < 2%; passageres kompensatorisches Schwitzen < 20%.
Prophylaxe
Es empfiehlt sich, Situationen und Voraussetzungen zu meiden, die zu einer übermäßigen Schweißproduktion führen. Es ist wichtig, ein normales Körpergewicht anzustreben. Grundlegend hierfür ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Scharfe "schweißtreibende" Gewürze, Alkohol, heißer Kaffee und Tee sowie Nikotin sollten reduziert werden. Zudem empfiehlt sich das Tragen einer atmungsaktiven, luftigen und nicht übermäßig warmen Kleidung (möglichst aus Naturfasern). Wichtig sind weiterhin Minderung und Bewältigung von Stress-Situationen, zu denen gut durchdachte Zeitpläne, Entspannungsübungen und entsprechende Ausdauersportarten oder ausgleichende Freizeitaktivitäten gehören.
Komplementärmedizinische Therapieverfahren
Salbeiextrakte und Zubereitungen, s. unter Therapie, Systemtherapie. Salbei, Salvia folium.
Hinweis(e)
LiteraturFür Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir
Kopernio
Kopernio- Chen J et al. (2015) A novel locus for primary focal hyperhidrosis mapped on chromosome 2q31.1. Br J Dermatol 172: 1150-1153
- Finlay AY et al. (1992) Dermatology life quality index (DLQI) - a simple practical measure for routine clinical use. Clin Exp Dermatol 19: 210-216
- Fujimoto T et al. (2013) Epidemiological study and considerations of primary focal hyperhidrosis in Japan: from questionnaire analysis. J Dermatol 40: 886-890
- Griffo R et al. (2025) Schwitzen im Griff - wann eine Operation helfen kann. Derma aktuell 06: 8-10
- Hamm H et al. (2005) Primary focal hyperhidrosis: disease characteristics and functional impairment. Dermatology 212: 343-353
- Kuhajda I et al. (2015) Semi-Fowler vs. lateral decubitus position for thoracoscopic sympathectomy in treatment of primary focal hyperhidrosis. J ThoracDis 7 (Suppl 1): 5-11
- Lowe NJ et al. (2007) Botulinum toxin type A in the treatment of primary axillary hyperhidrosis: a 52-week multicenter double-blind, randomized, placebo-controlled study of efficacy and safety. J Am Acad Dermatol 56: 604-611
-
Rummaneethorn P et al. (2020) A comparative study between intradermal botulinum toxin A and fractional microneedle radiofrequency (FMR) for the treatment of primary axillary hyperhidrosis. Lasers Med Sci 35:1179-1184.
- Strutton DR et al. (2004) US prevalence of hyperhidrosis and impact on individuals with axillary hyperhidrosis: results from a national survey. J Am Acad Dermatol 51: 241-248
- Stuart ME et al. (2020) A systematic evidence-based review of treatments for primary hyperhidrosis. J Drug Assess 10: 35-50.
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