Dysbiose
Definition
Als Dysbiose bezeichnet man eine qualitative oder quantitative Veränderung der Zusammensetzung und/oder Funktion einer mikrobiellen Gemeinschaft (Mikrobiom), durch die das normalerweise stabile Wechselverhältnis zwischen Mikrobiota, Wirtsorganismus und lokalem Gewebemilieu gestört ist. Dysbiose kann durch den Verlust protektiver bzw. durch die Vermehrung potenziell schädlicher Mikroorganismen, durch eine verminderte mikrobielle Diversität oder eine veränderte mikrobielle Stoffwechselleistung gekennzeichnet sein.
Der Begriff Dysbiose bezieht sich vor allem auf die Mikrobiota von Darm, Haut, Mundhöhle, Atemwegen und Urogenitaltrakt. Den funktionell ausgewogenen Zustand bezeichnet man als Eubiose (Iebba V et al. 2016).
Allgemeine Information
Eine Dysbiose kann sich manifestieren durch:
- den Verlust protektiver oder immunregulatorischer Mikroorganismen
- die Zunahme fakultativ pathogener Keime beziehungsweise Pathobionten
- die Abnahme der mikrobiellen Artenvielfalt
- die Verschiebung der relativen Häufigkeit einzelner Mikroorganismen
- die Veränderung mikrobieller Stoffwechselprodukte, beispielsweise kurzkettiger Fettsäuren
- die Beeinträchtigung von Barrierefunktion, Kolonisationsresistenz und Immunhomöostase
- Dabei muss eine Dysbiose nicht zwingend eine Infektion darstellen. Im Gegensatz zu einer klassischen Infektion steht häufig nicht ein einzelner Erreger, sondern eine ökologische und funktionelle Verschiebung des gesamten Mikrobioms im Vordergrund.
Klinik
Klinische Beispiele:
- Darm: Diversitätsverlust, Abnahme Butyrat-bildender Bakterien, Zunahme entzündungsfördernder Proteobakterien. Mögliche Folgen sind chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, s.a. Darmmikrobiom.
- Darm nach Antibiotika: Verlust der Kolonisationsresistenz mit Expansion von Clostridioides difficile. Mögliche Folgen sind eine antibiotikaassoziierte Diarrhö, pseudomembranöse Kolitis.
- Vagina: Abnahme von Lactobacillus-Arten: Zunahme einer anaerober Mischflora wie Gardnerella und Prevotella. Mögliche Folge ist eine bakterielle Vaginose oder eine klinisch relevante Candida-Infektion.
- Mundhöhle: Verschiebung zu proteolytischen, anaeroben Keimen, unter anderem Porphyromonas gingivalis: mögliche Folge ist eine Parodontitis.
- Darm-Hautachse: Die Mechanismen, über die das Darmmikrobiom die Hautgesundheit beeinflusst sind noch unklar (Borrego-Ruiz A et al. 2024, Mahmud MR et al. 2022). Es bestehen Wissenslücken hinsichtlich des Verständnisses der Darm-Haut-Achse und der Frage, wie mikrobielle Wechselwirkungen zu Hauterkrankungen (z.B. Psoriasis, atopische Dermatitis, Akne vulgaris, Rosazea, Alopecia areata und Hidradenitis suppurativa) beitragen, und der Frage, wie das Mikrobiom zu therapeutischen Zwecken wirksam beeinflusst werden kann (Parhizkar E et al. 2025).
- Haut bei atopischer Dermatitis: verminderte bakterielle Diversität und Expansion von Staphylococcus aureus, besonders im Schub. Mögliche Folgen sind Barrierestörungen mit Aktivierung bzw. Initiierung einer kutanen Inflammation.
- Haut bei Akne: Verschiebung bestimmter Stämme von Cutibacterium acnes und ihrer funktionellen Eigenschaften. Mögliche Folgen sind das Neuauftreten bzw. eine Verschlimmerung einer Akne.
- Kopfhaut: verändertes Verhältnis von Malassezia-Arten, Sebum und kutaner Immunantwort. Mögliche Folgen sind eine Seborrhoe, eine seborrhoische Dermatitis bzw. eine atopische Kopf-Nackendermatitis.
- S.a. unter Darm-Hirn-Achse.
Literatur
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Kopernio
Kopernio
- Iebba V et al. (2016) Eubiosis and dysbiosis: the two sides of the microbiota. New Microbiol 39:1-12.
- Borrego-Ruiz A et al. (2024) Nutritional and Microbial Strategies for Treating Acne, Alopecia, and Atopic Dermatitis. Nutrients 16:3559.
- Budden KF et al. (2017) Emerging pathogenic links between microbiota and the gut-lung axis. Nat Rev Microbiol 15:55-63.
- Mahmud MR et al. (2022) Impact of gut microbiome on skin health: gut-skin axis observed through the lenses of therapeutics and skin diseases. Gut Microbes 14:2096995.
- Parhizkar E et al. (2025) Probiotics and gut microbiota modulation: implications for skin health and disease management. Arch Microbiol 207(3):68.