Tamsulosin

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

Co-Autor: Christoph Rose

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Zuletzt aktualisiert am: 18.01.2026

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Synonym(e)

CAS-Nummer:106133-20-4; (R)-(−)-5-{2-[2-(2-Ethoxyphenoxy)-ethylamino]propyl}-2-methoxy-benzolsulfonamid

Definition

Tamsulosin gehört zu der Gruppe der Alpha1-Rezeptor-Antagonisten. Es handelt sich um ein Methoxy-benzolsulfonamid mit der Summenformel C20H28N2O5S, einer molaren Masse von 408,51 g·mol-1 (für Tamsulosin; Tamsulosin-Hydrochlorid: 444,97 g·mol-1) und einer mittleren Halbwertszeit von ca. 12 Stunden.

Wirkungsspektrum

Alpha1-Rezeptorantagonisten sind dann wirksam, wenn der entsprechende Rezeptor tonisch aktiviert ist. Dies ist tatsächlich für die alpha1-Rezeptoren der Widerstandsgefäße der Fall. Deshalb wirken sie als Blutdrucksenker. Tamsulosin bindet speziell an postsynaptische alpha1-Rezeptoren, insbesondere an die Subtypen α1A und α1D. Dies führt zur Blockade dieser Rezeptoren, somit zu einer Relaxation der glatten Muskulatur des Blasenhalses sowie der periurethralen Muskulatur der Prostata und damit zu einer Verbesserung des Harnabflusses. Obstruktive Symptome werden gelindert.

Bei oraler Einnahme wird Tamsulosin rasch zu etwa 57 % aus dem Darm resorbiert. Seine Plasmaproteinbindung liegt bei etwa 99 % und das Verteilungsvolumen ist mit 0,2 l/kg gering; so weist Tamsulosin nur einen geringen First-Pass-Effekt auf. Es wird langsam über die Leber metabolisiert. Der größte Teil liegt im Plasma in Form des unveränderten Wirkstoffs vor. CYP3A4 und auch CPY2D6 sind an der Metabolisierung von Tamsulosin beteiligt. Deren Hemmung kann zu einer erhöhten Exposition von Tamsulosin führen. Tamsulosin und seine Metaboliten werden hauptsächlich über den Urin ausgeschieden.

Indikation

Behandlung von Symptomen des unteren Harntraktes (LUTS) bei der benignen Prostatahyperplasie. Die Anwendung bei Frauen, die unter Harnretention - assoziiert mit Verengungen von Blase und Harnröhre -  leiden (lower urinary tract symptoms, LUTS), geschieht der Einsatz Off-Label (Zhang HL et al. 2017). Bemerkung: Der Wirkstoff hat nur einen geringen Effekt auf den Blutdruck. Für Kinder mit neurogenen Blasenentleerungsstörungen ist Tamsulosin nicht geeignet.

Nephrolithiasis: Durch eine medikamentöse expulsive Therapie (MET) mit Alphablockern und Kalziumkanalblockern kann die Ausscheidungsrate erhöht und der Steinabgang beschleunigt werden. Dosierungsempfehlung: z. B. Tamsulosin 1 x 0,4 mg / d (Truß 2005) oder Nifedipin 40 mg – 60 mg / d. 

Dosierung und Art der Anwendung

Die Dosierung ist 0,4 mg Tamsulosin-HCl einmal täglich. Tamsulosin wird oral eingenommen. Die Einnahme kann unabhängig von den Mahlzeiten erfolgen.

Unerwünschte Wirkungen

Häufig sind Schwindel, Ejakulationsstörungen einschließlich retrograder Ejakulation sowie verringerte oder ausbleibende Ejakulation. Gelegentlich treten Kopfschmerzen, orthostatische Hypotonie, Rhinitis (Schwellung der Nasenschleimhaut), Obstipation, Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, Exantheme, Pruritus, Urtikaria und Angioödeme auf. Sehr selten kommt es zu einem Stevens-Johnson-Syndrom, Priapismus, Sehstörungen, Epistaxis, Mundtrockenheit, einem Erythema multiforme und zu exfoliativer Dermatitis.

In Verbindung mit einer Tamsulosintherapie wurde über das Auftreten eines sog. „intraoperativen floppy iris syndrome“ (IFIS) während Katarakt- und Glaukom-Operationen berichtet.

In einer bivariaten Analyse von Patienten mit benigner Prostatahyperplasie konnte ein Zusammenhang zwischen dem eruptiven Auftreten von Cherry-Angiomen (Senile Angiome) und der Applikation von Tamsulosin nachgewiesen werden. Tamsulosin kann somit als möglicher Risikofaktor für die Entwicklung von Cherry-Angiomen betrachtet werden. Clopidogrel hingegen scheint eine protektive Rolle zu spielen (Nazer RI et al. 2020).Versch. Untersucher stellten einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Melanomen und eruptiven Cherry-Angiomen bei jüngeren Patienten (≤50 Jahre) fest. Dieser Zusammenhang war bei älteren Patienten nicht mehr eruierbar (Corazza M et al. 2019).

Wechselwirkungen

Die gleichzeitige Anwendung von Cimetidin führt zu einem Anstieg des Plasmaspiegels von Tamsulosin, wohingegen Furosemid zu einem Abfall des Plasmaspiegels führt. Eine Dosisanpassung ist nicht notwendig, da die Spiegel im Normalbereich bleiben. Die gleichzeitige Anwendung mit starken (z. B. Ketoconazol) und moderaten (z. B. Erythromycin) CYP3A4-Inhibitoren kann zu einer erhöhten Exposition gegenüber Tamsulosin führen und sollte mit Vorsicht erfolgen. Diclofenac und Warfarin können die Eliminationsrate von Tamsulosin erhöhen. Die gleichzeitige Gabe von anderen Alpha-1-Rezeptorenblockern könnte in starker Blutdrucksenkung resultieren.

Kontraindikation

Tamsulosin darf nicht angewendet werden bei:

Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff, einschließlich medikamentenbedingtem Angioödem, bekannter orthostatischer Hypotonie, schwerer Leberinsuffizienz.

Literatur
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  1. Nazer RI et al. (2020) Cherry angioma: A case-control study. J Family Community Med 27:109-113.

  2. Kuhlmann U et al. (2015) Nephrologie: Pathophysiologie - Klinik – Nierenersatzverfahren. Thieme Verlag 566 – 600

  3. Meltzer AC et al. (2018) Effect of Tamsulosin on Passage of Symptomatic Ureteral Stones: A Randomized Clinical Trial. Version 2. JAMA Intern Med 178:1051-1057.

  4. Wang RC et al. (2017) Effect of Tamsulosin on Stone Passage for 11Ureteral Stones: A Systematic Review and Meta-analysis. Annals of Emergency Medicine 69: 353–361.

  5. Zhang HL et al. (2017) Tamsulosin for treatment of lower urinary tract symptoms in women: a systematic review and meta-analysis. Int J Impot Res 29:148-156.

Weiterführende Artikel (3)

Angiom seniles; Clopidogrel; Nephrolithiasis;
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