Erstbeschreiber/Historie
In Deutschland hatte das Bundesgesundheitsministerium bereits im Jahre 1991 empfohlen, auf Verpackungen von Lakritzzubereitungen Warnhinweise auszudrucken. Ab 1999 mahnte das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz zur Vorsicht bei übermäßigem Verzehr von Lakritze (Mayer 2000).
Definition
Lakritzabusus ist definiert als ein übermäßiger Konsum von Lakritz. Dabei stellt die in der Lakritz enthaltene Süßholzwurzel eine gesundheitliche Gefahr dar. Es kann durch die mineralkortikoide Wirkung zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen (Mayer 2000).
Der Verzehr von 100 mg Glycyrrhizin / d gilt als der Grenzwert. Bei Starklakritze (Glycyrrhizin-Konzentration mit 0,2 g / 100 g oder mehr) müsse ab dem Verzehr von 50 g bereits mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen gerechnet werden (Mayer 2000).
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Vorkommen/Epidemiologie
Lakritz-Intoxikationen sind neben dem Konsum von Süßwaren auch auf den Genuss von Kautabak, Tees, alkoholischen Getränken und Kräutermedizinzubereitungen zurückzuführen. I. d. R. liegt bei einer Intoxikation ein chronischer Konsum vor, Einzelfälle mit Akutintoxikationen sind aber auch beschrieben (Bangert 2021).
In einer monozentrischen Studie zwischen 2018 und 2020 fanden sich 6 Patienten, die intensivmedizinisch wegen eines Lakritzabusus behandelt werden mussten. Einer davon musste reanimiert werden (Bangert 2021).
Pathophysiologie
Lakritze enthält durch Zusatz von Süßholz den Wirkstoff Glycyrrhizin (Antwerpes 2021).
Die genaue Wirkungsweise von Lakritze ist nicht bekannt. Man vermutete anfangs, dass Lakritz die Delta-5beta- Reduktase hemmt. Gegen diese Hypothese spricht allerdings die Tatsache, des oftmals nachweisbare Absinken des Plasma-Aldosterons beim Lakritzabusus (Mayer 2000).
Neuerdings vermutet man als Wirkungsweise eine Hemmung der 11-beta-Hydroxy-steroid-Dehydrogenase, die normalerweise Cortisol abbaut (Mayer 2000). Dieses Enzym katalysiert die Umwandlung des Glucokortikoids Cortisol in die biologisch aktive Form Cortison (Antwerpes 2021).
Die klinische Symptomatik könnte dabei durch die mineralkortikoide Wirkung des Cortisols erklärt werden, die einem primären Hyperaldosteronismus, dem sog. Conn-Syndrom entspricht. Da im Falle eines Lakritzabusus der Aldosteron-Plasmaspiegel niedrig ist, spricht man von einem sog. Pseudohyperaldosteronismus (Mayer 2000).
Lokalisation
In Dänemark z. B. hat Lakritze als Naturheilmittel Tradition. Hier ist auch Starklakritze (Glycyrrhizin-Konzentration mit 0,2 g / 100 g oder mehr) frei im Handel erhältlich. In Deutschland hingegen darf Starklakritze ausschließlich in Apotheken verkauft werden (Meyer 2000).
Klinik
Zu den Leitsymptomen eines Lakritzabusus zählen:
- Hypokaliämie, als Folge davon Auftreten von Herzrhythmusstörungen
- Arterielle Hypertonie
- Ödeme durch Zunahme des intravasalen Flüssigkeitsvolumens (Mayer 2000)
- Muskelschwäche und Muskellähmungen bis hin zu Tetraparese
- Muskelschmerzen
- Palpitationen (Bangert 2021)
Verstärkt wird die Hypokaliämie noch durch Einnahme von:
- Herzglykosiden
- Schleifen- oder Thiaziddiuretika
- Nicht elektrolytneutralen Laxanzien
- Eventuell auch durch ACE-Hemmer, da Lakritze zu einer Blockade der Reaktionskaskade Renin-Angiotensin-Aldosteron führt (Mayer 2000)
Labor
- Hypokaliämie
- Metabolische Alkalose (Bangert 2021)
- Typischerweise sind die Aldosteron- und Reninspiegel normal oder sogar supprimiert (Bangert 2021)
Differentialdiagnose
- Bestimmte Enzymdefekte wie z.B. Defekte der 11-beta-Hydroxysteroid-Dehydrogenase oder 11-beta-Hydroxylase oder 17-alpha-Hydroxylase (Michalk 2021)
- Conn-Syndrom (Schuster 2020)
Komplikation(en)/Assoziierte Erkrankungen
Durch übermäßige Zufuhr von Glycyrrhizinsäure kann es kommen zu
- Sekundärer arterieller Hypertonie (bis zu 3% der Hypertonieerkrankungen sollen auf Lakritzkonsum zurückzuführen sein [Meyer 2000])
- Pseudohyperaldosteronismus
- Hypokaliämie: Die häufigste Ursache einer unklaren Hypokaliämie ist der chronische Lakritzabusus (Herold 2025).
- Posteriores reversibles Enzephalopathie-Syndrom (PRES)
- Akutes Nierenversagen
- Respiratorisches Versagen (Bangert 2021)
LiteraturFür Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir
Kopernio
Kopernio- Antwerpes F, Nolte J (2021) Lakritzabusus. DocCheck Flexikon. Doi: https://flexikon.doccheck.com/de/Lakritzabusus
- Bangert K, Kluger M A, Janneck M (2021) Lebensgefährliche Komplikation durch übermäßigen Lakritzkonsum: Intensivmedizinische monozentrische Fallserie. Dtsch Arztebl Int (118) 890-891
- Herold G et al. (2025) Innere Medizin. Herold Verlag 579, 783
- Kasper D L, Fauci A S, Hauser S L, Longo D L, Jameson J L, Loscalzo J et al. (2015) Harrison‘s Principles of Internal Medicine. Mc Graw Hill Education
- Meyer R (2000) Pseudohyperaldosteronismus: Lakritzverzehr mir Folgen. Deutsches Ärzteblatt. 97 (10) A 596
- Michalk D, Schönau E (2021) Differentialdiagnose Pädiatrie. Elsevier Urban und Fischer Verlag 47
- Schuster N (2020) Kleine Drüsen mit großer Bedeutung. Pharmazeutische Zeitung. Doi: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/kleine-druesen-mit-grosser-bedeutung-116433/seite/alle/?cHash=7696b6160563f35fc132ce29a113dd56
Verweisende Artikel (1)
Lakritze;Weiterführende Artikel (10)
ACE-Hemmer; Arterielle Hypertonie; Cortison; Glycyrrhizin; Herzglykoside; Herzrhythmusstörungen; Hypokaliämie; Lakritze; Süßholz; Thiazide;Disclaimer
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