08.08.2026

Gicht ganzheitlich behandeln: Was hilft wirklich?

Was kann die Phytotherapie bei Gicht leisten – und was die Traditionelle Chinesische Medizin? Zwei Expertinnen erklären, welche Ansätze sich hinter jahrhundertealten Heilmethoden verbergen und wo ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Grenzen liegen.

Was interessiert uns Ärzte schon die Phytotherapie, die TCM, die traditionelle chinesische Medizin? Sind wir nicht allesamt Kinder der modernen evidenzbasierten Medizin, jener Medizin, die prüft, misst, vergleicht und bewertet? So haben wir es gelernt – und das mit guten Gründen. Kaum ein anderer Denkansatz hat die Medizin in den vergangenen 100 Jahren erfolgreicher gemacht als die konsequente Orientierung an wissenschaftlicher Evidenz.

→ Mitunter entsteht dabei jedoch der Eindruck, als beginne jenseits des Messbaren zwangsläufig die ungesunde Spekulation.

Erstaunt finden wir uns inzwischen in einer Zeit wieder, in der Therapieverfahren möglichst durch drei Metaanalysen, fünf Leitlinien und zwölf Statistikprogramme abgesichert werden müssen, bevor sie das Licht der medizinischen Welt erblicken. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass viele bedeutende therapeutische Innovationen ursprünglich außerhalb etablierter Evidenz entstanden sind.

Erfahrung, Beobachtung, Kreativität, gelegentlich auch Zufall und Mut zum unkonventionellen Denken haben die Medizingeschichte immer wieder vorangebracht. Man denke an Acetylsalicylsäure, Penicillin, Glukokortikoide, Fumarsäureester oder Colchicin – einen Wirkstoff, der uns in diesem Beitrag noch begegnen wird.

Andere Kulturen haben über Jahrhunderte eigene medizinische Denkmodelle entwickelt. Diese unterscheiden sich teilweise grundlegend von unserem westlichen Verständnis von Krankheit und Therapie. Am Beispiel der Gicht lässt sich dies besonders anschaulich zeigen: So erkennt die moderne Medizin in erster Linie das Phänomen „Hyperurikämie“ und behandelt dieses leitliniengerecht.

Die Traditionelle Chinesische Medizin hingegen beschreibt und behandelt eine Störung des inneren Gleichgewichts. Der Patient wiederum nimmt vor allem seine schmerzende Großzehe wahr – und der Großzehe ist ihre pathogenetische Einordnung herzlich gleichgültig.

So stimmig die Welt der Leitlinien erscheinen mag: Die Realität erinnert uns täglich daran, dass Patienten zunehmend an komplementären und alternativen Therapieverfahren Interesse zeigen. Nicht selten begegnen wir Fragen dazu mit leichter Skepsis, gelegentlich auch mit Unkenntnis.

Beides ist verständlich, sollte uns jedoch nicht daran hindern, sie unvoreingenommen zu prüfen. Immanuel Kant hätte dies wohl mit seinem berühmten „Sapere aude“ kommentiert: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!


In diesem Text möchten wir Ihnen ausgewogene und kritisch eingeordnete Informationen zu phytotherapeutischen und traditionellen chinesischen Behandlungsansätzen bei Gicht vermitteln. Der Blick richtet sich dabei zwangsläufig auch auf andere chronisch-entzündliche Erkrankungen. Doch das wäre Stoff für ein eigenes Buch – und nicht nur für eine Fußnote.

Zwei Kolleginnen, beide ausgewiesene Expertinnen auf ihren Gebieten, haben wir eingeladen, sich mit der akuten und der chronischen Gicht auseinanderzusetzen. Frau Prof. Bacharach-Buhles, Dermatologin, früher an der Ruhr-Universität Bochum, später in eigener Praxis, beschäftigt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit der Phytotherapie.

Frau Dr. Katja König, niedergelassene Gynäkologin in Arnsberg, hat sich durch zahlreiche Fortbildungen eine fundierte Expertise in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) erworben.

Meine Frage an beide Kolleginnen lautete: Was können die Phytotherapie bzw. die Traditionelle Chinesische Medizin bei dieser Stoffwechselerkrankung leisten? Denn welcher Arzt würde sein therapeutisches Repertoire nicht gerne durch gut recherchierte, praktikable und möglichst nebenwirkungsarme Verfahren aus der Phytomedizin erweitern?

Und mit Blick auf die mehr als 3000 Jahre alte chinesische Medizin stellt sich die ebenso einfache wie spannende Frage, was die westlich orientierte Medizin von ihr lernen könnte. Und weitergedacht: Muss der Dialog zwischen beiden Denk- und Therapiesystemen zwangsläufig in Konkurrenz münden – oder liegt seine eigentliche Stärke nicht in der wechselseitigen Bereicherung?

Tatsächlich scheint sich die westliche Medizin seit geraumer Zeit einer ganzheitlicheren Betrachtungsweise von Krankheit und Gesundheit anzunähern. Der Einfluss des Darm- und Hautmikrobioms, die Bedeutung von Adipositas sowie verhaltensbedingter Risikofaktoren wie Fehlernährung, Bewegungsmangel und psychischen Komorbiditäten, rücken zunehmend in den Fokus unseres medizinischen Denkens.

Krankheiten erscheinen immer weniger als isolierte Organstörungen, sondern vielmehr als Ausdruck komplexer biologischer, sozialer und verhaltensbezogener Wechselwirkungen.

Der gegenwärtige, beinahe atemlose Ansturm auf die Inkretinmimetika verdeutlicht dabei ein bemerkenswertes Paradoxon unserer Zeit: Einerseits verfügen wir über hochwirksame Medikamente zur Behandlung der Folgen eines ungesunden Lebensstils, andererseits gelingt es uns nur unzureichend, die Ursachen dieses Lebensstils nachhaltig zu verändern.

→ Die moderne Medizin mutiert dadurch zunehmend zum Reparaturbetrieb einer Wohlstandsgesellschaft, die ihre Zivilisationskrankheiten lieber pharmakologisch ausbügelt, als ihnen präventiv entgegenzutreten.

In diesem Text geht es heute um ihre Therapie. Kurz und als klinische Auffrischung eine Auflistung der in Europa weitgehend standardisierten klassischen Therapien bei Hyperurikämie und Gicht.

Akute Gicht

Beim akuten und sehr schmerzhaften Gichtanfall, der durch Ablagerungen von Mononatriumurat-Kristallen im Gewebe entsteht, die wie Sand im Getriebe wirken und das Inflammasom aktivieren, ist eine rasche Entzündungshemmung und kompetente Schmerzreduktion unbedingtes Ziel. Folgende Medikamente werden erfolgreich in der klassischen Medizin eingesetzt:

  • Colchicin (das Alkaloid der Herbstzeitlosen)
  • Ibuprofen
  • Diclofenac
  • Naproxen
  • Glukokortikoide (Prednisolon zwischen 20 und 50 mg)

Zusätzlich sind supportive Maßnahmen empfehlenswert wie: Ruhigstellung, Kühlung, reichlich Flüssigkeitseinnahme.

Chronische Gicht/Hyperurikämie

Bei der Langzeittherapie ist es das erklärte Ziel, die Serumharnsäure dauerhaft zu senken (< 6 mg/dl; bei Tophi oft < 5 mg/dl).

Xanthinoxidase-Hemmer sind die Standardmedikamente der Dauertherapie: Allopurinol (Klassiker, hemmt Harnsäurebildung), Febuxostat als Alternative bei Unverträglichkeit oder Niereninsuffizienz. Weiterhin können Urikosurika zum Einsatz gebracht werden, die die renale Harnsäureausscheidung fördern: Benzbromaron und das altbekannte Probenecid.

Als zentrale Therapieachse sind jedoch die Änderungen des Lebensstils einzufordern – ein mühsames, häufig frustranes Unterfangen, das rigorose Selbstdisziplin einfordert, die unsere Patienten nur zähneknirschend zur Kenntnis nehmen. Zentral ist dabei die Reduktion purinreicher Nahrung: Innereien, Sardinen, Anchovis, große Fleischmengen, Fruktosegetränke, ausreichendes Trinken, Gewichtsreduktion, Verzicht auf Bier und Spirituosen; alles schöne Sachen, die wir Ärzte dem Patienten verwehren wollen.

Bei schwerer, therapierefraktärer Gicht empfiehlt sich die enzymatische Pegloticase (enthält Urikase, diese baut Harnsäure enzymatisch ab). Auch die IL-1-Blockade: Anakinra, Canakinumab sind potenzielle Therapieansätze.

Hinweis: Der IL-1-Antikörper Canakinumab ist in der EU für Gicht-Patienten zugelassen, wenn diese auf die herkömmlichen Therapien/Colchicin, NSAR, Glukokortikoide nicht ansprechen.

Nun zum eigentlichen Kern dieses Textes  mit den Expertenmeinungen zu den phytotherapeutischen Therapiemaßnahmen sowie zu den Methoden der traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).

Die Phytotherapie der Gicht (Prof. Dr. med. Bacharach-Buhles)

Colchicin: Es ist allgemeiner Konsens, dass der akute Gichtanfall die Domäne der klassischen Medizin ist, wobei in dieser Aussage interessanterweise das Mittel der Wahl – das Colchicin – phytotherapeutische Wurzeln hat. Colchicin, ein entzündungshemmendes Alkaloid, hat rund 3500 Jahre nach seiner ersten medizinischen Anwendung im alten Ägypten zwischenzeitlich eine breite und wichtige Rolle in der Medizin eingenommen. Ursprung sind die Blüten der Herbstzeitlose, einer hochgiftigen Lilienpflanze mit violettfarbenen Blüten.

Bereits in der Antike wurde die Pflanze bei der Podagra verwendet. So wurde das „Colchikum“ zu einem fast legendären Mittel gegen die „Krankheit der Könige“. 1820 wurde das reine Alkaloid Colchicin extrahiert, womit die moderne pharmakologische Geschichte der Substanz begann.

Zusammenfassend verkörpert kaum ein anderes Therapeutikum die Geschichte der Medizin so eindrucksvoll wie Colchicin: Von der antiken Erfahrungsheilkunde über die mittelalterliche Humoralpathologie zur evidenzbasierten medikamentösen Behandlung der aristokratischen „Wohlstandskrankheit“. Welch eine Karriere!

Colchicin wurde von der Kommission E (Sachverständigenkommission des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte/BfArM) positiv für Gicht bewertet (monographiert). Bei Colchicin handelt es sich im weiteren Sinne um ein Immunsuppressivum.

Aber keine Sorge, Sie müssen Ihre Patienten nicht mit den Blütenextrakten behandeln. 1959 gelang Albert Eschenmoser die chemische Synthese. Die Dosierung bei akuter Gicht-Arthritis: zunächst 2 bis 3 mal/Tag 0,5 mg bis zum Abklingen der akuten Schmerzen. Pro Behandlungszyklus sollten nicht mehr als 6 mg verabreicht werden.

Komplementäre Verfahren bei akuter Gicht: Supportiv empfiehlt sich im akuten Gichtanfall eine Hydrotherapie mit kalten Kompressen oder Güssen: Kaltes Wasser fließend über das schmerzende Gelenk bis zu Schmerzreduktion/Schmerzfreiheit gießen, gegebenenfalls Eiskompressen (Vorsicht: Schutz vor Erfrierung!). Externa wie Beinwell, Schmerzsalben, Retterspitz-Creme oder -Lösung wirken ebenfalls antientzündlich.

Am besten kombiniert mit kühlenden Umschlägen. Bei der chronischen Gicht bieten sich kalte Kneippanwendungen, Waschungen, kalte Güsse und Teilbäder sowie Umschläge mit Rosmarin oder Rosskastanie an. Des Weiteren Moorpackungen und Umschläge, zum Beispiel mit Birkenblättern. Die praktische Anleitung können Sie Altmeyers Enzyklopädie unter dem Stichwort „Betulae folium“ entnehmen.

Chronische Gicht

Quercetin: Ein gut dokumentiertes Phytotherapeutikum ist Quercetin, ein sekundärer Pflanzenstoff (als sekundäre Pflanzenstoffe bezeichnet man bioaktive chemische Substanzen, die von Pflanzen gebildet werden, die jedoch nicht unmittelbar für deren Grundstoffwechsel notwendig sind – zum Beispiel Duft- oder Farbstoffe, antimikrobielle Stoffe usw.). Quercetin ist ein Flavonoid und färbt Blüten, Blätter und Früchte.

Analog zum Wirkmechanismus des Allopurinols verhindert Quercetin über die Hemmung der Xanthinoxidase die Umwandlung von Hypoxanthin zu Harnsäure und stellt somit einen kausalen Therapieansatz bei der Hyperurikämie und der chronischen Gicht dar. Hinzu kommt seine antiinflammatorische Wirkung als Synthesehemmer von Prostaglandinen und Leukotrienen sowie der Histaminliberation.

→ Quercetin ist in zahlreichen Nahrungsmitteln enthalten, vor allem in Kapern (1800 mg/kg), Liebstöckel (1700 mg/kg), Zwiebeln (bis zu 460 mg /kg), Äpfeln v.a. in der Schale (je nach Sorte bis zu 450 mg/kg), Schnittlauch (225 mg/kg) und Holunderbeersaft (1082 mg/kg). Ebenfalls reich an Quercetin sind Heidelbeeren (767 mg/kg), Preiselbeeren, Weintrauben, vor allem rote Weintrauben, hier wiederum die Schale und schwarze Trauben.

Die erforderliche Dosierung zur therapeutischen Senkung des Harnsäurespiegels liegt bei 750 bis 1000 mg/Tag. Volumentechnisch dürften diese Dosierungen beim Verzehr Probleme machen. Die alltagstaugliche und komprimierte Alternative sind Quercetin-Kapseln. Grundsätzlich zu bevorzugen sind apothekenpflichtige Präparate unter Berücksichtigung der Herstellerangaben bzgl. der Dosierung.


Weitere, weniger gut evaluierte Phytotherapeutika bei Hyperurikämie und Gicht basieren auf der „Erfahrungsheilkunde“. Darunter versteht man medizinische Verfahren oder Therapien, die auf langjähriger praktischer Erfahrung bzw. auf Beobachtungen beruhen, nicht jedoch auf evidenzbasierter Studienmethodik. Einige interessante Produkte wurden zwischenzeitlich vermehrt durch Studien belegt.

Sauerkirschen: Nachweislich ist, dass Polyphenole den Harnsäurespiegel senken. Sauerkirschen sind eine reichhaltige Quelle für phenolische Verbindungen und Anthocyane. Sie enthalten Polyphenole wie Cyanidine, Kaempferol, Chlorogensäure, Anthozyane sowie Quercetin. So empfiehlt auch die Britische Gesellschaft für Rheumatologie seit 2017 den Kirschkonsum in ihren Gichtleitlinien.

Tatsächlich belegen einige Studien, dass durch den regelmäßigen Genuss von Sauerkirschsaft eine Steigerung der Harnsäureausscheidung um bis zu 75 Prozent und damit eine Reduktion des Harnsäurespiegels sowie der akuten Gichtattacken eintritt. Speziell die Kirschsorte Montmorency (Prunus cerasus) zeichnet sich durch entzündungshemmende und harnsäuresenkende Effizienz aus. In einer größeren internationalen Studie (n=630) wurden Gichtpatienten über ein Jahr mit frischen Sauerkirschen oder Sauerkirschextrakten behandelt.

Der Verzehr von frischen Sauerkirschen ließ das Risiko von Gichtattacken um 35% und bei Sauerkirschextrakt um 45% sinken. Neben dem Harnsäure-senkenden Effekt werden der Sauerkirsche eine entzündungshemmende Wirkung durch Hemmung entzündlicher Mediatoren wie IL-1β, IL-6 und TNF-alpha zugeschrieben, was sich vorteilhaft auf die Inflammation bei Gichtattacken auswirken dürfte.

Zur Dosierung: Montmorency-Sauerkirschkonzentrat zeigt sowohl bei einer Dosierung von 30 ml/Tag wie auch von 60 ml/Tag eine signifikante Senkung des Harnsäurespiegels im Serum mit einem Peak nach 8 Stunden, bzgl. der Harnsäureausscheidung im Urin liegt der Peak bereits bei 2 Stunden.

Die Wirkung ist bei beiden Dosierungen identisch, sodass die Autoren die niedrigere Dosierung empfehlen. Überdies wurde der antiinflammatorische Effekt der in Sauerkirschen enthaltenen phenolischen Verbindungen und Anthocyane mehrfach belegt. 

Zusammenfassend stellt der Konsum von Sauerkirschen oder käuflich zu erwerbenden Sauerkirschextrakten zwar keine ausreichende Therapie bei der chronischen Gicht dar – ist aber als additive Maßnahme und Prophylaxe empfehlenswert.

Sellerie/Selleriesamen: Selleriesamen (Apium graveolens) hemmen messbar die Xanthinoxidase und senken damit die Harnsäure im Serum. Auch die Anzahl der Gichtanfälle wird reduziert. Dosierung: In der Regel wird 1 Esslöffel Selleriesamen/Tag empfohlen, wobei auf Allergien (Karotten-Sellerie-Beifuß-Syndrom) und Phototoxizität zu achten ist.

Ebenso sollten Selleriesamen in der Schwangerschaft aufgrund eines erhöhten Risikos von Fehlgeburten (hierzu gibt es keine Evidenz) vermieden werden. Beliebt sind Selleriesamen unter anderem in der indischen und asiatischen Küche. Die Sellerieknolle, wie sie hierzulande häufig verwendet wird, hemmt ebenfalls die Xanthinoxidase, allerdings in geringerem Ausmaß, sie wirkt aber harntreibend und fördert so die Ausscheidung von Harnsäure.


Kaffee: Der Effekt von Kaffee bei Hyperurikämie war lange umstritten. Tatsächlich gibt es mehrere klinische Studien, die eine signifikante Senkung des Serumharnsäurespiegels bei häufigem Kaffeegenuss nachweisen. Sie belegen, dass 4 bis 6 Tassen/Tag bei Frauen und 1 bis 3 Tassen/Tag bei Männern den Serumharnsäurespiegel signifikant senken, was zweifellos das Gichtrisiko minimiert.

Bemerkenswerterweise konnte dieser Effekt auch bei entkoffeiniertem Kaffee abgeschwächt nachgewiesen werden. Einige Publikationen ergaben, dass bei Kaffee zwar eine Senkung des Gichtrisikos eintrat, der Serumharnsäurespiegel dagegen unverändert blieb. Summa summarum bleibt als Ergebnis:

Kaffeekonsum kann in ausreichender Menge das Gichtrisiko und die Attacken senken.

Die Wirkmechanismen sind bis dato allerdings nicht vollständig geklärt, scheinen aber nicht nur auf das enthaltene Koffein zurückzuführen zu sein. Möglich ist die Hemmung von Xanthinoxidase durch Inhaltsstoffe des Kaffees wie beispielsweise Chlorogensäure. Pharmakokinetisch spielt wahrscheinlich die erhöhte Ausscheidung von Harnsäure eine Rolle, zum Beispiel durch eine verminderte renale Rückresorption. Hierbei dürfte die Hemmung von Urat-Transportern zum Beispiel von URAT1 durch Kaffee eine Rolle spielen.

Auch die verbesserte Insulinsensitivität bei Kaffeegenuss scheint über die Hemmung der Harnsäurerückresorption in der Niere zu wirken. Nicht zuletzt wird eine antientzündliche Wirkung von Kaffee propagiert. Dieser Effekt wird den im Kaffee enthaltenen Antioxidantien wie Polyphenolen und Chlorogensäuren zugeschrieben.
 

Tee: Weitere Studien wiesen auch bei sechs Tassen schwarzem Tee/Tag eine Reduktion des Harnsäurespiegels und der Gichtattacken nach. Entsprechende Ergebnisse dokumentierte ein Tierversuch bei Konsum von grünem Tee.

Weitere Phytotherapeutika

In der Altmeyers Enzyklopädie finden Sie unter dem Artikel Gicht insgesamt noch 34 weitere Phytotherapeutika, die in der Erfahrungsheilkunde bei Gicht eingesetzt werden. Teilweise beruht die Wirkung dieser Pflanzen, wie beispielsweise der Brennnessel, auf einer gesteigerten Ausscheidung von Uraten.

Hagebutten  (Rosa canina) – resp. Vitamin C: Hauptgrund, warum Hagebutten überhaupt im Zusammenhang mit Gicht diskutiert werden, liegt an dem hohen Vitamin C-Gehalt. In einer großen bevölkerungsbasierten Studie wurde eine höhere Vitamin-C-Zufuhr über die Nahrung mit einer geringeren Gichtprävalenz in Verbindung gebracht. Vorsichtig ausgedrückt zeigt die langfristige Vitamin-C-Gabe, phytotechnisch über Hagebutten oder in Tablettenform, eine positive Wirkung bzgl. der Vorbeugung von Gicht.

Der Wirkmechanismus wird, ähnlich wie bei Kaffee, in der erhöhten renalen Ausscheidung von Harnsäure vermutet. Auch Vitamin C hemmt die Aktivität des funktionell wichtigen Urat-Anionenaustauschers URAT1. Zudem ließ sich tierexperimentell (Mausmodell) eine signifikante Hemmung der Xanthinoxidase durch Hagebuttenextrakt nachweisen. Hier entsprach die Hemmung der Xanthinoxidase durch den verabreichten Hagebuttenextrakt (1g/20 ml Wasser resp. Ethanol) der Gabe von 1 mg/kg Allopurinol.

Beim Menschen wird eine Dosierung von 5 bis 10 g Hagebuttenpulver (entsprechend 1 bis 2 Teelöffel), resp. in Kapselform entsprechend den Dosierungsangaben des Herstellers) empfohlen. Die bisherigen Untersuchungen reichen nicht aus, um eine Vitamin C-Substitution als Monotherapie der chronischen Gicht zu empfehlen.

Antientzündliche Phytotherapeutika: Neben den harnsäurereduzierenden Phytotherapeutika sind antiinflammatorische Phytotherapeutika zur Behandlung der gichtinduzierten Gelenkentzündungen zu nennen.

Diese antiinflammatorischen Phytotherapeutika sind: Omega-3-reiche Pflanzenöle (zum Beispiel Leinöl, Hanföl, Nachtkerzenöl), Kurkuma (Curcuma longa), Teufelskralle (Harpagophytum procumbens), Weidenrinde (Salicis cortex), Weihrauch (Boswellia serrata) und Ingwer (Zingiber officinale).

Kurkuma (Curcumae longae rhizoma/ Curcuma xanthorrhizae rhizoma): Die knollenartigen gelben Rhizome sind von den verschiedenen europäischen und deutschen Gutachterkommissionen, allerdings primär mit der Indikation „Verdauungsprobleme“, positiv monographiert, wobei die antientzündliche Wirkung gut dokumentiert ist. Der enthaltene Wirkstoff Curcumin unterdrückt die Infiltration entzündlicher Zellen in die Synovia über den Rapamycin (mTOR)-Zielweg, senkt proinflammatorische Zytokine wie TNF-alpha, Interleukin-6 und Interleukin-17.

Die akzeptable tägliche Aufnahmemenge beträgt langfristig  maximal 3mg Curcumin/kg. Die Tagesdosis bei Tetrahydro-Curcuminoiden darf 140 mg nicht überschreiten. Bezogen auf das Gewürz Kurkuma heißt das: nicht mehr als 7g pro Tag. Die empfohlene Dosierung von Curcumin-Kapseln à 465 mg wird in der Regel mit 2/Tag angegeben.

Afrikanische Teufelskrallenwurzel (Harpagophyti radix): Die Wurzel der afrikanischen Teufelskralle hat entzündungshemmende und schwach schmerzstillende Wirkungen und ist für Arthritiden positiv monographiert. Zu bevorzugen sind auch hier apothekengängige Fertigpräparate unter Beachtung der angegebenen Dosierung (nach Herstellerangaben bei Teufelskralle-Kapseln à 480 mg in der Regel 2/Tag).

Weidenrinde (Salicis cortex): Die antientzündliche Wirkung von Weidenrindenextrakten kannte man bereits in der Antike. Die Rinde der Weide enthält Salicylin, ein Beta-Glykosid des Salicylalkohols. Salicylate sind positiv monographiert für die unterschiedlichsten Schmerzen und Arthritiden. (Dosierung: Weidenrinden-Kapseln nach Herstellerangaben, meist 2/Tag).

Ingwerwurzel (Zingiberis rhizoma): Die Ingwerwurzel mit den bioaktiven Wirkstoffen 6-Shogaol und Zingeron hat antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften über die Hemmung der Cox 2- und LOX – Signalwege. In vitro und in vivo Studien zeigen eine signifikante Hemmung der TNF-alpha-, IL-1beta- und IL-17-vermittelten Inflammation (Empfehlung: Ingwerwurzel-Kapseln, Dosierung nach Angaben der Hersteller. Alternativ: 1,0 bis 3,0 g Ingwer/Tag).

Weihrauch (Boswellia serrata): In zahlreichen Studien wurde eine antiphlogistische Wirkung (Hemmung der 5-Lipoxygenase und damit der Leukotriensynthese) belegt. Im Tiermodell ließen sich die Aktivität lysosomaler Enzyme, die Lipidperoxidation, der TNF-alpha-Spiegel und die Schwellung bei Gichtgelenken durch Boswelliasäuren normalisieren (Handelspräparate: zum Beispiel Weihrauch H 15 Tabletten 1/Tag, Zein Pharma Boswellia Weihrauch-Kapseln 2/Tag).


Nach den phytotherapeutischen Therapieansätzen bei akuter und chronischer Gicht war es mir ein wichtiges Anliegen eine Expertin auf dem Gebiet der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) zu deren Möglichkeiten zu befragen. Was kann dieses alte Medizinsystem, deren Wurzeln etwa 2000 bis 3000 Jahre zurückreichen, bei der Gicht leisten?

TCM bei Hyperurikämie und Gicht (Dr. med. Katja König/Arnsberg)

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist eine über 3000 Jahre alte Lehre, die auf Tradition, Überlieferung und Erfahrung beruht. Sie hat ihren Ursprung in der taoistischen Philosophie von Yin und Yang. Jedermann kennt dieses Bild, das mittlerweile in jedem Fitnessstudio an der Wand hängt.

Sämtliche Dinge und Phänomene des Kosmos enthalten diese beiden komplementären Anteile, die einander ergänzen, ineinanderfließen, im Optimalfall miteinander im Gleichgewicht stehen. Dysbalancen führen zu Störungen des Organismus und letztlich zu Erkrankungen.


Eine Weiterentwicklung der Yin-und-Yang-Theorie ist das Konzept der „Fünf Wandlungsphasen“.  Dieses beinhaltet die Organsysteme Niere/Blase, Lunge/Dickdarm, Milz/Magen, Herz/Dünndarm, Leber/Gallenblase und Perikard/Dreifacher Erwärmer.

Diese Organsysteme haben mit den anatomischen Strukturen nur sehr begrenzt zu tun; besonders kryptisch bleibt hier der Dreifache Erwärmer, ein abstraktes Organ, für das es kein anatomisches Korrelat gibt. Pathologische Schwäche und Fülle in den einzelnen Organsystemen, die alle miteinander in Verbindung stehen, sind Grundlage der Diagnose.

Das theoretische Grundlagenwerk der TCM ist der „Klassiker des Gelben Kaisers“ und entstand 500 bis 300 vor Christus. Das 18-bändige Monumentalwerk beinhaltet im ersten Teil den Dialog zwischen dem legendären Gelben Kaiser Huan Di und seinem Leibarzt Shi Po, in welchem die theoretischen Grundlagen erläutert werden.

Im zweiten Teil werden die praktischen und therapeutischen Verfahren und deren Anwendung in der TCM erläutert. Somit ist die TCM tatsächlich nicht eine mündliche Überlieferung von Heilern und Kräuterweiblein, sondern basiert auf einer soliden theoretischen Ausarbeitung.

Erkrankungen entstehen durch ein Ungleichgewicht von Yin und Yang und durch eine Störung des Qi-Flusses.

Das Qi ist die Urquelle aller Lebensprozesse und wird nur unzureichend als Lebensenergie bezeichnet. Sie zirkuliert durch den Körper in Blutgefäßen und speziellen Leitbahnen, den Meridianen. Auf diesen liegen die Akupunkturpunkte. Einwirkungen von pathogenen Faktoren – Hitze, Trockenheit, Kälte, Wind, Feuchtigkeit, Schleim – führen zu Blockierungen und Stagnationen der Meridiane.

Schmerzen des Bewegungsapparates werden unter dem Begriff Bi-Syndrom zusammengefasst. Es ist ein Sammelbegriff für schmerzhafte Obstruktionssyndrome von Qi und Blut in den Meridianen, im Gelenk-, Muskel- und Sehnenbereich.

Hierbei unterscheidet die TCM nicht zwischen den verschiedenen rheumatischen Erkrankungen und Gelenkaffektionen. Ob es sich um einen akuten Gichtanfall oder einen akuten Schub einer rheumatoiden Arthritis handelt, ist für die TCM-Diagnose und -behandlung eher belanglos.

Hier zeigt sich ein fundamentaler Unterschied zur westlichen Medizin: Diese kommt durch Laboruntersuchungen, apparative Diagnostik, Anamnese und körperliche Untersuchung zu einer Organdiagnose mit einer standardisierten, also immer gleichen Therapie.

Der TCM-Therapeut stellt durch eine ausführliche Anamnese, bei der sämtliche Lebensstilfaktoren einschließlich Ausscheidungen, frühere Traumata und Ernährungsgewohnheiten erfragt werden, seine Diagnose. Er betrachtet die Zunge, was in früheren Zeiten auch bei uns eine Tradition hatte, fühlt den Puls und schaut sich die Gesamtkonstitution des Patienten an.

Daraus erstellt er eine ganzheitliche Diagnose, die an der Symptomatik orientiert ist, nämlich Störungen im System der fünf Wandlungsphasen und des Meridianflusses.

Die „westliche“ Diagnose, das heißt die Ursache einer Erkrankung oder einer Funktionsstörung, bleibt unberücksichtigt. Als Ursache gilt die energetische Dysbalance, die wieder ins Gleichgewicht gerückt werden muss. Daraus folgt: 

→ Die Therapie bei zwei Patienten ist nie gleich, sondern immer individuell je nach der chinesischen Syndromdiagnose entwickelt wird. Ein Konzept, das bei dem einen Patienten funktioniert, wird bei einem anderen daher nicht zwangsläufig zum Erfolg führen.

Die akute Gicht

Die akute Gicht mit Rötung, Schwellung, Überwärmung, Bewegungseinschränkung und intensiv pochendem Schmerz ist als Hitze-Bi zu betrachten. Eventuell bestehen auch Mundtrockenheit, Reizbarkeit und Durst, die Zunge ist rot mit gelbem Belag.
Das Therapieprinzip ist, die Hitze zu klären, Wind und Feuchtigkeit zu vertreiben, das Blut zu beleben und die Meridiane durchgängig zu machen.

Die wichtigsten Therapien in der TCM sind Akupunktur, Phytotherapie und Ernährungstherapie.

Die Akupunktur ist die in Europa bekannteste und verbreitetste Behandlungsmethode der TCM und sticht feine Nadeln in definierte Punkte auf den Meridianen. Es gibt 361 klassische Akupunkturpunkte und noch weitere Nebenpunkte. Man findet kein wirkliches anatomisches Korrelat zu den Punkten, sie können aber als veränderte Druckpunkte unter der Haut getastet  und auch diagnostisch eingesetzt werden: Auffällig druckempfindliche Punkte haben eine besondere Bedeutung für den Patienten.

Schmerzhafte Areale können durch „Ah-Shi“-Punkte oder „Davos-Punkte“ („da, wo’s weh tut) umzingelt werden, man nennt das „Den Drachen umzingeln“. Die gute Wirkung auf Schmerzen ist ohnehin inzwischen durch Studien gut untersucht; unabhängig vom philosophischen Ansatz findet man Ausschüttung von körpereigenen Stoffen wie Endorphinen, Aktivierung von Schmerzhemmung im Nervensystem und Einflüsse auf Durchblutung und Muskelspannung.

Man kombiniert Lokalpunkte und Fernpunkte sowie Punkte mit syndromaler Wirkung. Ein wichtiger Punkt beim akuten Gichtanfall ist Milz 10 („Meer des Blutes“), der drei Querfinger (2 cun) proximal des Oberrandes der Patella lokalisiert ist. Die Stimulation dieses Punktes beseitigt Hitze aus dem Blut und kühlt Blut-Hitze.

Eine ausleitende und schwellungsbeseitigende hervorragende Wirkung bei Hitze und Entzündung hat auch das Schröpfen. Die Methode gelangt hier allerdings sehr bald an ihre Grenzen, da es kaum gelingt, über einem kleinen Gelenk einen Schröpfkopf sinnvoll zu platzieren.

Die Chinesische Phytotherapie basiert auf jahrtausendealten Rezepturen und einer eigenen Diagnostik. Verwendet werden vor allem Pflanzen, aber auch Mineralien, Pilze und manchmal tierische Bestandteile. Manche Inhaltsstoffe klingen in westlichen Ohren sehr schräg (zum Beispiel „Antilopenfäzes“) und scheinen eher einer mittelalterlichen Hexenküche zu entspringen.

In der Hand eines in dieser Wissenschaft Weitergebildeten und einer kompetenten Apotheke, die eine patientenfreundliche Zubereitung mittels Granulat oder Tinktur liefert, sind sie jedoch eine wertvolle Ergänzung der Therapie und bringen manchmal den entscheidenden Durchbruch in einer zähen Behandlung. Die Auswahl der Rezepturen erfolgt individuell nach der chinesischen Syndromdiagnose. Zwei Menschen mit derselben westlichen Diagnose können daher völlig unterschiedliche Kräuterrezepturen erhalten.

Verbreitete Heilpflanzen sind Ginseng (starke Qi-Stärkung), Ingwer (wärmend und tonisierend), Astragalus (immunstärkend) und Artemisia; daraus wurde später durch die chinesische Nobelpreisträgerin Tu YouYou der Malaria-Wirkstoff Artemisinin aus der Pflanze Artemisia annua extrahiert. Artemisia-annua-Extrakte wurden und werden in der TCM gegen Fiebererkrankungen eingesetzt. Auch werden wieder die unterschiedlichen energetischen Temperaturwirkungen unterschieden.

Bei akuter Gicht setzt man das „Dekokt des Weißen Tigers“ ein (unter einem Dekokt versteht man Abkochung und Filtration eines Produktes). Es besteht aus Gypsum fibrosum (Gips), Anemarrhenae Asphodeloidis (ein Spargelgewächs, der Wurzelstock wird verwendet), Süßholzwurzel (Glycyrrhizae Uralensis) und Rundreis. Dies sind allesamt energetisch kühlende Bestandteile.

Spargel wirkt kalt und wird hier ausdrücklich empfohlen, obwohl er in westlichen Ernährungsempfehlungen bei Gicht als purinhaltig und eher abgelehnt wird.

Die Ernährung bei Gicht in der TCM-Tradition: Die Ernährung ist eine entscheidende Säule der Therapie, deren Stellenwert durch ein Zitat eines berühmten chinesischen Arztes des 14. Jahrhunderts ausgedrückt wird: „Ärzte müssen zunächst die Ursache für eine Erkrankung feststellen und beurteilen, welche Disharmonie vorliegt.

Um diese Disharmonie auszugleichen, ist eine entsprechende Diät die erste und wichtigste Maßnahme. Erst wenn diese Maßnahme keinen Erfolg zeigt, soll man Arzneien verwenden.“ Noch heute ist dieses Wissen um die Heilkraft der Nahrung in China als eine Art Volkswissen verankert.

Anstelle von „Guten Tag“ begrüßt man sich mit „Hast du gut gegessen?“ Dieses Wissen gab es auch in unserem Kulturkreis. Hippokrates brachte es auf den Punkt:

„Lass Nahrung deine Medizin und Medizin deine Nahrung sein“.

Hildegard von Bingen (1098 bis 1179), die große Mystikerin des Mittelalters, nutzte und schrieb über Nahrung als Heilung und erstellte eine energetische Klassifizierung der Nahrungsmittel, die eine überraschende Parallele zur chinesischen Nahrungsmittelklassifikation aufweist. Warum zwei Kulturen, durch einen ganzen Erdball voneinander getrennt, zur damaligen Zeit nahezu unüberbrückbar, zu ähnlichen Ergebnissen gelangten, ist ein faszinierendes Rätsel.

Die chinesische Lehre ordnet den Nahrungsmitteln ein energetisches Temperaturverhalten zu: heiß – warm – neutral – kalt – kühl. Diese wiederum stehen in Verbindung mit den fünf Organsystemen.

Durch Auswahl von bestimmten Nahrungsmitteln kann man also Schwächen oder pathologische Fülle in diesen Organsystemen ausgleichen.

Bei Hitze und daher auch bei Gicht sind energetisch kühlende und kalte Nahrungsmittel sowie der bittere und saure Geschmack anzuwenden. Empfehlenswert sind Ananas, Mandarine, Melone, Orange, Zitrone und Kiwi. Kühlende Gemüsesorten sind Löwenzahn, Tomate, Gurke, Chicorée und Spinat. Ferner sind Salate, Mungobohnensprossen, Joghurt, Weizen, Gerste, grüner Tee, Mineralwasser und Weizenbier zu empfehlen.

Gegen rheumatische Schmerzen in der unteren Körperhälfte schwört die TCM interessanterweise auf Medizinischen Kirschwein: 250 Gramm Kirschen werden mit einem halben Liter klarem Branntwein 1 bis 2 Tage aufgesetzt. Circa eine halbe Tasse sollte davon täglich eingenommen werden. Vielleicht reiben Sie sich jetzt verwundert die Augen: Weizenbier? Kirschwein?

Haben wir nicht schon im Studium gelernt, dass Alkohol per se und Bier im Besonderen starke Trigger für Gichtanfälle sind? Das ist in der TCM-Lehre aber eher unwichtig, so wie sich manche Ernährungsempfehlungen radikal von den westlichen unterscheiden.

Die bei uns verbreitete „heiße Zitrone“, beispielsweise bei Erkältungskrankheiten, ist nur bei Fieber sinnvoll, da die Zitrone energetisch kalt ist und auch bei größtem Erhitzen kalt bleibt, somit bei Frieren und Frösteln kontraproduktiv wirkt.

Kirschwein wirkt tonisierend, wird also eher im symptomfreien Intervall angewendet, und Weizenbier hat eine starke abkühlende Wirkung (daher auch bei Hitzewallungen in den Wechseljahren empfehlenswert) und soll ohnehin nicht im Maß(-krug), sondern in Maßen genossen werden.

Somit bietet die TCM eine interessante Ergänzung zu westlichen Behandlungsmethoden an und hat dort ihre große Stärke, wo die westliche Medizin schwächelt, nämlich bei der Behandlung chronischer Erkrankungen. Sie bietet plötzlich Antworten und Erleuchtungen in Zusammenhängen, die vorher im Dunkeln geblieben sind, die man nie durchschaut hat, und erlaubt durch ihre ganzheitliche Betrachtung eine Erklärung, warum ausgerechnet dieser Patient an dieser Erkrankung leidet.

Ein Hinweis zum Schluss: Im alten China wurden Ärzte ausschließlich für Prävention bezahlt. Sie hatten die Bevölkerung zu unterweisen, wie man durch förderliche Lebensweise möglichst gesund blieb und lange lebte.

Wenn jemand krank wurde, hatte der Arzt sozusagen „versagt“ und musste den Patienten umsonst therapieren. Ein interessanter Ansatz, finde ich. Ein wenig sollten wir uns auf diese Tugenden besinnen.


Dieser Streifzug durch Phytotherapie und chinesische Heilkunst bei einer Volkskrankheit, die Menschen in Ost und West gleichermaßen beschäftigt, offenbart tiefgreifende Unterschiede im medizinischen Denken.

Westliches Denken bedeutet, in linearen Kausalitäten zu analysieren, Ursachen zu identifizieren und organzentriert zu therapieren. Dieser kausale Ansatz hat unsere Medizin in den vergangenen Jahrhunderten außerordentlich erfolgreich gemacht.

Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin ist die Gicht nicht primär eine Harnsäureerkrankung, sondern Ausdruck einer „feuchten Hitze“.

Bemerkenswert ist, dass die TCM das klinische Phänomen der Gicht oft erstaunlich präzise beschreibt, ohne jedoch nach den biochemischen Ursachen zu fragen.

Während die westliche Medizin analytisch-zergliedernd vorgeht, denkt die TCM traditionell synthetisch und ordnend: Krankheit erscheint als Ausdruck eines übergeordneten Funktionsmusters. Bei der Gicht treffen sich beide Kulturen letztlich auf sozialer Ebene, indem sie die Erkrankung übereinstimmend als Folge einer nutritiven Entgleisung betrachten.

Die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte könnte man als ein europäisches Paradoxon bezeichnen, denn beide Denksysteme nähern sich einander in gewisser Weise an.

Auch in der modernen westlichen Medizin gewinnen heute Faktoren an Bedeutung, die lange Zeit als „weich“ galten: die Mikrobiome von Haut und Schleimhäuten, Stress und Immunfunktion, das metabolische Syndrom oder die zirkadiane Rhythmik. Sie alle beeinflussen Gesundheit und Krankheit auf komplexe Weise.

Dennoch bleibt ein fundamentaler Unterschied bestehen. Die westliche Medizin fordert Messbarkeit, Reproduzierbarkeit und kontrollierte Evidenz. Ihre Wahrheit liegt im Detail.

Bei der Gicht spielt sich das entscheidende Geschehen auf der Ebene des Purinstoffwechsels und seiner Transportproteine ab, die unter den Bedingungen einer üppigen Lebensweise an ihre Grenzen geraten können. Folgerichtig setzt die moderne Therapie genau dort an.

Die TCM hingegen verzichtet weitgehend auf die Suche nach kausalen Mechanismen und beschreibt das Krankheitsgeschehen mit Konzepten wie der „feuchten Hitze“ als energetisches Muster. Darin liegen zugleich ihre Stärke und ihre wissenschaftliche Schwäche.

Denn „feuchte Hitze“ kann klinisch interpretiert und therapeutisch genutzt werden – messen lässt sie sich nicht. Damit bleibt sie einer naturwissenschaftlichen Überprüfung weitgehend entzogen.

So stehen sich am Ende nicht Wahrheit und Irrtum gegenüber, sondern zwei unterschiedliche Denk- und Handlungsweisen: die eine analytisch und ursachenorientiert, die andere ganzheitlich und ordnend – beide mit ihren Möglichkeiten, aber auch mit ihren Grenzen. (Autor: Peter Altmeyer; Credits: Pixabay/Witizia)

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