Synonym(e)
Definition
Glcopyrronium ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Anticholinergika. Topische Anticholinergika sind bei der Behandlung der Hyperhidrosis axillaris(primäre axilläre Hyperhidrose) wirksam. Sie weisen unterschiedliche Wirksamkeits- und Sicherheitsprofile auf (Kim J et al. 2026). Glycopyrronium gehört zu den quartären Ammoniumverbindungen und blockiert als synthetisches Anticholinergikum gezielt Muskarinrezeptoren.
Pharmakodynamik (Wirkung)
Glycopyrronium ist ein Anticholinergikum aus der Gruppe quartärer Ammoniumverbindungen mit peripheren Wirkungen, die denen von Atropin ähneln. Der Wirkstoff hemmt kompetitiv die Wirkung von Acetylcholin an den Muskarinrezeptoren an autonomen Effektorstellen, die von parasympathischen Nervenfasern innerviert werden. Er hemmt auch die Wirkung von Acetylcholin an glatten Muskeln bei fehlender cholinerger Innervation.
Bei inhalativer Anwendung blockiert Glycopyrronium die bronchokonstriktive Wirkung von Acetylcholin auf die glatten Muskelzellen der Atemwege und wirkt so bronchialerweiternd.
Die Salivation wird primär durch die parasympathische Innervation der Speicheldrüsen gesteuert; Glycopyrronium hemmt kompetitiv die cholinergen Muskarinrezeptoren in den Speicheldrüsen und verringert so die Salivationsrate.
Bei dermaler Anwendung in der Achselhöhle hemmt Glycopyrronium die acetylcholingetriebene Stimulation der Schweißdrüsen und vermindert dadurch die lokale Schweißsekretion. In der Anästhesie schützt Glycopyrronium vor vagalen Reflexen und vermindert die Speichel- und Bronchialsekretion. Als quartäre Ammoniumverbindung passiert Glycopyrronium die Blut-Hirn-Schranke nur schwer, sodass zentrale Nebenwirkungen im Vergleich zu Atropin geringer ausfallen.
Auch interessant
Pharmakokinetik
Inhalation: Rasche Resorption, Spitzenplasmaspiegel nach fünf Minuten. Die absolute Bioverfügbarkeit beträgt etwa 45 % der verabreichten Dosis, davon 90 % durch Resorption in der Lunge und 10 % durch gastrointestinale Resorption.
Orale Anwendung: Die mittlere absolute orale Bioverfügbarkeit beträgt etwa 3 % (Spanne 1,3–13,3 %), was auf die geringe Lipophilie der quartären Ammoniumverbindung zurückzuführen ist. Die gleichzeitige Einnahme mit Nahrung – insbesondere fettreicher Kost – führt zu einer deutlichen Abnahme der systemischen Exposition.
Intravenöse Anwendung: Wirkungseintritt innerhalb von einer Minute, maximale Wirkung nach ca. fünf Minuten. Intramuskulär werden Spitzenplasmaspiegel innerhalb von 30 Minuten erreicht.
Dermale Anwendung (Creme): Axhidrox wirkt lokal, es tritt jedoch auch eine geringe systemische Exposition auf. Bei kontinuierlicher einmal täglicher Anwendung wird der Steady State zwischen Tag 7 und 14 erreicht; die mittlere Tmax liegt bei etwa 4 Stunden. Die systemische Exposition Jugendlicher liegt innerhalb des bei Erwachsenen beobachteten Bereichs.
Beemerkung: Für die dermale Anwendung wurden bsiher keine klinischen Studien zur Biotransformation beim Menschen durchgeführt, sodass Metaboliten und Stoffwechselweg nicht bekannt sind.
Anwendungsgebiet/Verwendung
Glycopyrronium wird angewendet bei:
- Bronchialerweiternde Erhaltungstherapie zur Symptomlinderung bei erwachsenen Patienten mit chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) (Inhalation)
- Symptomatische Behandlung von schwerer Sialorrhö (chronischer krankhaft gesteigerter Speichelfluss) bei Kindern und Jugendlichen ab drei Jahren mit chronischen neurologischen Erkrankungen (orale Lösung)
- Topische Behandlung der schweren primären axillären Hyperhidrose (übermäßiges Achselschwitzen) bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren (Creme)
- Schutz vor peripheren muskarinischen Nebenwirkungen von Cholinesterase-Hemmern wie Neostigmin bei Aufhebung neuromuskulärer Restblockaden (Injektion)
- Präoperative Verringerung der Speichel-, Tracheal-, Bronchial- und Pharyngeal-Sekretion (Injektion)
- Prä- oder intraoperative Dämpfung oder Verhinderung von Bradykardien im Zusammenhang mit Suxamethonium oder kardialen vagalen Reflexen (Injektion)
Dosierung und Art der Anwendung
Glycopyrronium ist in mehreren Darreichungsformen erhältlich:
- als Hartkapsel mit Pulver zur Inhalation (44 Mikrogramm)
- als Lösung zum Einnehmen (320 Mikrogramm/ml)
- als Injektionslösung (200 Mikrogramm/ml) zur intravenösen oder intramuskulären Anwendung
- als Creme (axilläre Hyperhidrose): Zwei Pumpenhübe pro Achselhöhle (entsprechend 540 mg Creme bzw. 4,4 mg Glycopyrronium je Achselhöhle). In den ersten 4 Wochen einmal täglich, vorzugsweise abends; ab der 5. Woche kann die Anwendung je nach Rückgang des Schwitzens auf zweimal wöchentlich reduziert werden. Eine fortwährende Behandlung ist erforderlich, um die Wirkung aufrechtzuerhalten. Jugendliche ab 12 Jahren erhalten die gleiche Dosis nach demselben Schema wie Erwachsene, wobei ein Elternteil oder eine Betreuungsperson Vorbereitung und Anwendung einüben sollte; bei Kindern unter 12 Jahren ist die Anwendung nicht erwiesen. Bei schwerer Nierenfunktionsstörung nur anwenden, wenn der Nutzen die Risiken überwiegt.
Glycopyrronium steht als Glycopyrroniumbromid und als Glycopyrroniumtosylat zur Verfügung
Glycopyrroniumbromid: Glycopyrroniumtosylat (GT, Qbrexza®)ist ein topischer kompetitiver Hemmer der Acetylcholinrezeptoren, der auf cholinerge periphere Gewebe, einschließlich der Schweißdrüsen, abzielt (Nwannunu CE et al. 2019). Die Blockade der Acetylcholinrezeptoren, die die Schweißdrüsen aktivieren, führt zu einer Verringerung der Schweißproduktion, was ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung der primären axillären Hyperhidrose ist.
Glycopyrroniumtosylat wird topisch in Form eines vorgefeuchteten Einwegtuchs verabreicht, das eine 2,4-prozentige Glycopyrroniumlösung enthält.
Im Vergleich mit anderen Hemmer der Acetylcholinrezeptoren wie Glycopyrronium, Sofpironiumbromid und Umeclidinium untersucht wurden erwies sich Sofpironium als die wirksamste Behandlung. Topische Wirkstoffe waren mit einem erhöhten Risiko für UAWs verbunden wobei Sofpironium mit dem höchsten Risiko für Mundtrockenheit und Glycopyrronium mit den höchsten Risiken für Mydriasis und Verstopfung assoziiert war.
Unerwünschte Wirkungen
Die Nebenwirkungen (bei systemischer Applikation) sind überwiegend auf die anticholinerge Wirkung zurückzuführen und variieren je nach Darreichungsform.
- Sehr häufig: Mundtrockenheit (oral, Injektion), Obstipation, Diarrhö, Erbrechen, Harnverhalt, Reizbarkeit, Hautrötung mit Hitzegefühl, verstopfte Nase, verringerte Bronchialsekrete (orale Lösung).
- Häufig: Mundtrockenheit, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Nasopharyngitis, Gastroenteritis, Harnwegsinfektion, Schmerzen des Bewegungsapparats (Inhalation); Agitiertheit, Schläfrigkeit, Infektionen der oberen Atemwege, Pneumonie, Harnwegsinfektionen, Nasenbluten, Ausschlag, Fieber (orale Lösung); Sehstörungen, Harnverhalt, Schläfrigkeit, Tachykardie, Palpitationen, Herzrhythmusstörungen (Injektion).
- Gelegentlich: Vorhofflimmern, Palpitationen, Dyspepsie, Karies, Rhinitis, Zystitis, Hyperglykämie, Rachenreizung, Dysurie, Harnretention, Überempfindlichkeit, Angioödem, Dysphonie, Übelkeit, Erbrechen, Pruritus, Epistaxis (Inhalation); Kopfschmerzen, Mydriasis, Nystagmus, Halitosis, ösophageale Candidose, gastrointestinale Motilitätsstörung, Pseudoobstruktion, Dehydratation, Durst bei heißem Wetter (orale Lösung).
- Nicht bekannt: Paradoxer Bronchospasmus, Dysphonie (Inhalation); transiente Bradykardie, Engwinkelglaukom, Photophobie, Augentrockenheit, Insomnie, Unruhe, Überaktivität, Ängstlichkeit, Stimmungsschwankungen, Übelkeit, Angioödem, Inhibition des Schwitzens, Hauttrockenheit, Harndrang, Sinusitis, allergische Reaktionen (orale Lösung); Verwirrtheit (insbesondere bei älteren Patienten), Überempfindlichkeit, Angioödem, verminderte Bronchialsekretion, Hautröte, Hauttrockenheit, Hemmung der Schweißsekretion, Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Akkommodationsstörungen, Photophobie, Harndrang, Miktionsstörung (Injektion).
- Sehr selten: Engwinkelglaukom (Injektion).
- Bei lokaler Applikation: Rötungen und Brennen an der Applikatikonsstelle.
Kontraindikation
Sysetmsich applkiziertes Glycopyrronium darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile
- Glaukom (orale Lösung); Engwinkelglaukom (Injektion)
- Myasthenia gravis (Injektion)
- Paralytischem Ileus, Pylorusstenose, Prostatavergrößerung (Injektion)
- Harnverhalt (orale Lösung)
- Schwerer Nierenfunktionsstörung (eGFR <30 ml/min/1,73 m²), einschließlich dialysepflichtiger terminaler Niereninsuffizienz (orale Lösung)
- Darmverschluss, Colitis ulcerosa, paralytischem Darmverschluss, Pylorusstenose oder Myasthenia gravis in der Vorgeschichte (orale Lösung)
- Erkrankungen, die durch die anticholinerge Wirkung verschlimmert werden können, z. B. Glaukom, paralytischer Ileus, instabiler kardiovaskulärer Status bei akuter Blutung, schwere ulzerative Colitis, durch ein toxisches Megakolon komplizierte ulzerative Colitis, Myasthenia gravis und Sjögren-Syndrom (Creme)
- Gleichzeitiger Behandlung mit festem, oral angewendetem Kaliumchlorid und Anticholinergika (orale Lösung)
Hinweis(e)
Hinweis: Glycopyrronium (Axhidrox®) ist seit Juni 2022 für Erwachsene mit schwerer primärer Hyperhidrose der Achseln zugelassen.
Glycopyrroniumtosylat 2,4% Tücher werden zur Behandlung der primären axillären Hyperhidrose bei Menschen ab 9 Jahren verwendet.
Creme – Augen- und Schleimhautkontakt: Die Creme darf nicht in die Augen gelangen und ist ausschließlich mit der Verschlusskappe, nicht mit den Fingern, aufzutragen, da Glycopyrronium eine vorübergehende Pupillenerweiterung und verschwommenes Sehen verursachen kann. Nach der Anwendung sind Kappe und Hände gründlich mit Wasser und Seife zu waschen. Bei Kontakt mit Augen, Nase oder Mund sind diese sofort mit reichlich Wasser zu spülen.
Creme – Haut-zu-Haut-Kontakt: Ein Kontakt der behandelten Haut mit anderen Körperstellen oder mit anderen Personen ist zu vermeiden, etwa durch Bedecken des Bereichs mit Kleidung. Bei sichtbar entzündeter oder verletzter Achselhaut sollte die Creme erst nach Abklingen der Hautsymptome angewendet werden.
LiteraturFür Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir
Kopernio
Kopernio- D’Arrigo T (2018) opical treatment approved for excessive underarm sweating. Pharmacy Today 24:19.
- Elrosasy A et al. (2024) Efficacy and safety of topical glycopyrronium bromide in treating axillary hyperhidrosis: systematic review and meta-analysis. Sci Rep 14:24537.
- Glaser DA et al. (2019) Topical glycopyrronium tosylate for the treatment of primary axillary hyperhidrosis: Results from the ATMOS-1 and ATMOS-2 phase 3 randomized controlled trials. J Am Acad Dermatol 80:128-138
- Glaser DA et al. (2019) A 44-Week Open-Label Study Evaluating Safety and Efficacy of Topical Glycopyrronium Tosylate in Patients with Primary Axillary Hyperhidrosis. Am J Clin Dermatol 20:593-604.
- Kim J et al. (2026) Efficacy and Safety of Topical Anticholinergics in the Treatment of Primary Axillary Hyperhidrosis: A Systematic Review and Meta-analysis. Clin Drug Investig 46:583-594.
- Lamb YN (2019) Topical Glycopyrronium Tosylate in Primary Axillary Hyperhidrosis: A Profile of Its Use. Clin Drug Investig 39:1141-1147.
- Nwannunu CE et al. (2019) Glycopyrronium Tosylate (Qbrexza) for Hyperhidrosis. Skin Therapy Lett. 24:1-3.




