Kupferdrahtarterien

Autor: Dr. med. S. Leah Schröder-Bergmann

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Zuletzt aktualisiert am: 07.02.2026

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Erstbeschreiber/Historie

Die Keith-Wagener-Barker- Klassifikation (KWB) zur Beurteilung hypertoniebedingter Veränderungen der Augenhintergrundgefäße wurde erstmals 1939 von ebendiesen publiziert (Aissopou 2015).

Im Jahre 2004 führten Mitchell und Wong eine vereinfachte dreistufige Klassifikation ein, bei der das Stadium I und II der bisherigen Klassifikation zusammengeführt wurden (Ibrahim 2023).  

Definition

Kupferdrahtarterien treten als hypertoniebedingte Gefäßveränderungen im Stadium II nach Keith und Wagener am Augenhintergrund auf (Herold 2018).

Einteilung

Hypertoniebedingte Gefäßveränderungen im Augenhintergrund werden als „Fundus hypertonicus“ oder „hypertensive Retinopathie“ bezeichnet und nach Keith und Wagener (KWB) in 4 Stadien eingeteilt:

  • Stadium I: In diesem Stadium treten erste funktionelle Gefäßveränderungen auf in Form:
    • Arteriolärer Vasokonstriktion
  • Stadium II: Im Stadium II kommt es zusätzlich zu folgenden strukturellen Veränderungen der Gefäße:
    • Kupferdrahtarterien mit Kaliberunregelmäßigkeiten
    • Salus-Gunn-Kreuzungszeichen an arteriovenösen Kreuzungen
  • Stadium III: Hierbei finden sich zusätzlich Schäden an der Netzhaut in Form von:
    • Streifenhämorrhagien
    • Weichen Exsudaten sog. Cotton-wool-Herde
    • Makulärer Sternfigur (kalkspritzerartige Herde um die Makula herum)
  • Stadium IV:
    • Zusätzlich kommt es noch zu einem bilateralen Papillenödem (Herold 2018)

Außerdem existiert die zweistufige Einteilung der „World Health Organisation“ in Anlehnung an die KWB-Klassifikation. Diese differenziert zwischen einem frühen Stadium (entsprechend KWB Stadium I und II) und einem späten Stadium (entsprechend KWB Stadium III und IV) bezeichnet als:

  • Fundus hypertonicus
  • Fundus hypertonicus malignus (Ibrahim 2023)

Eine weitere Einteilung betrifft die dreistufigen Grade der Retinopathie nach Wong und Mitchel. Dabei wurden die Stadien I und II nach KWB zusammengefasst. Hierbei wird zwischen drei Stadien differenziert:

  • Mild
  • Moderat
  • Maligne (Ibrahim 2023)

Allgemeine Information

Bei Kupferdrahtarterien handelt es sich um Arterien der Netzhaut, die in der Funduskopie bzw. der Farbstoffuntersuchung des Auges verdickt erscheinen (Tseichner 2024).

Vorkommen

Die Prävalenz der arteriellen Hypertonie ist in Deutschland, verglichen mit anderen Industriestaaten, mit 55% in der Altersgruppe zwischen 35-64 Jahren hoch. Zeichen für eine hypertensive Retinopathie finden sich bei ca. 2-14 % der Nichtdiabetiker über 40 Jahre (Heimann 2010).

Ätiologie

Kupferdrahtarterien treten im Rahmen einer hypertensiven Retinopathie auf (Tseichner 2024).

Pathophysiologie

Bei einer akuten Blutdruckerhöhung kommt es zunächst zu einer reversiblen Vasokonstriktion in den retinalen Gefäßen. Bisweilen besteht auch ein Papillenödem (Mehta 2024).

Bei einer länger anhaltenden Hypertonie kommt es als Folge der Endothelschädigung und Nekrosen zu exsudativen Gefäßveränderungen. Über die Jahre hinweg können sich Wandverdickungen der Arteriolen zeigen (Mehta 2024).

Zu den Verfärbungen des normalen Lichtreflexes der Netzhautgefäße kommt es dadurch, dass sich Sklerose und Hyalinisierung über die Arteriolen ausbreiten und dieser dadurch an Umfang zunimmt. Durch diese zunehmende Verdickung wird der Lichtreflex immer diffuser und die Netzhautarterien wirken schließlich rotbraun (Dennis 2019).

Klinik

Beschwerden entwickeln sich erst relativ spät im Krankheitsverlauf und zeigen sich in Form von Verschwommensehen oder Gesichtsfeldausfällen (Mehta 2024).

Diagnostik

Die Diagnose erfolgt in erster Linie durch anamnestische Angaben, insbesondere hinsichtlich der Dauer und des Schweregrades einer bestehenden arteriellen Hypertonie. Apparativ erfolgt die Diagnostik dann durch eine Funduskopie (Mehta 2024).

Bereits in einem frühen Stadium lassen sich bei der Funduskopie arterioläre Konstriktionen mit einer Verringerung des Verhältnisses retinaler Arteriole zu retinaler Venole erkennen (Mehta 2024).

Bei schlecht eingestelltem Hypertonus treten im weiteren Verlauf auf:

  • Arteriovenöse Kreuzungsanomalien, sog. Kreuzungsphänomene bis hin zu retinalem Venenastverschluss
  • Permanente Verengung der Arterien
  • Arteriosklerose mit moderaten Gefäßwandveränderungen, den sog. Kupferdrahtarterien
  • Im fortgeschrittenen Stadium der Arteriosklerose schwere Gefäßwandhyperplasie und Verdickung sog. Silberdrahtarterien (Mehta 2024)

Komplikation(en)

  • Gefäßverschlüsse
  • Epiretinale Gliose
  • Exsudative Ablatio retinae
  • Retinale Makroaneurysmen (Buchta 2002)
  • Die Gefahr eines Sehverlustes erhöht sich deutlich, wenn der Patient zusätzlich an einem Diabetes mellitus leidet (Mehta 2024).

Therapie

Die Therapie der Kupferdrahtarterien erfolgt in erster Linie durch eine Blutdruckregulierung (Mehta 2024).

Bei Auftreten eines Sehverlustes erfolgt die Behandlung des retinalen Ödems mit:

  • Lasertherapie
  • Intravitrealer Injektion von Kortikosteroiden oder anderen Medikamenten wie z. B. Bevacizumab, Pegaptanib, Ranibizumab (Mehta 2024)

Prognose

Das Stadium I und II der KWB Klassifikation, in dem sich Kupferdrahtarterien zeigen, gilt als relativ unspezifisch, da diese Veränderungen auch bei Normotonikern vorkommen können. Die Stadien III und IV hingegen zeigen eine sehr ungünstige Prognose, da sie auf eine maligne Hypertonie hindeuten, die heutzutage allerdings nur noch selten vorkommt (Middeke 2005).

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Aissopou E K, Papathanassiou M, Nasothimiou E G, Konstantonis G D, Tentolouris N, Theodossiadis P G, Papaioannou T G, Sfikakis P P, Protogerou A D (2015) The Keith-Wagener-Barker and Mitchell-Wong grading systems for hypertensive retinopathy: association with target organ damage in individuals below 55 years. J Hypertens. 33 (11) 2303-9
  2. Buchta M, Höper D W, Sönnichsen A (2002) Das Zweite Stex: Basiswissen Klinische Medizin für Examen und Praxis. Springer Verlag Berlin / Heidelberg 1050
  3. Dennis M, Bowen W T, Cho L (2019) Klinikpraxis: Symptome verstehen. Interpretation klinischer Zeichen. Elsevier Urban und Fischer Verlag 190
  4. Heimann H, Kellner U (2010) Atlas des Augenhintergrundes: Vaskuläre Retinopathien. Georg Thieme Verlag Stuttgart 128-129
  5. Herold G et al. (2018) Innere Medizin. Herold Verlag 302
  6. Ibrahim A H (2023) Häufigkeit von retinalen Gefäßveränderungen in der deutschen Bevölkerung und Zusammenhang zu arterieller Hypertonie und Mortalität. Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Medizin der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
  7. Kasper D L, Fauci A S, Hauser S L, Longo D L, Jameson J L, Loscalzo J et al. (2015) Harrison‘s Principles of Internal Medicine. Mc Graw Hill Education
  8. Mehta S, Garg S J (2024) Hypertensive Retinopathie. MSD Manual, Ausgabe für medizinische Fachkräfte. Doi: https://www.msdmanuals.com/de/profi/augenkrankheiten/netzhauterkrankungen/hypertensive-retinopathie
  9. Middeke M Arterielle Hypertonie. (2005) Georg Thieme Verlag Stuttgart / New York 126
  10. Tseichner A, Antwerpes (2024) Kupferdrahtarterie. DocCheck Flexikon doi: https://flexikon.doccheck.com/de/Kupferdrahtarterie

Weiterführende Artikel (2)

Arterielle Hypertonie; Diabetes mellitus ;
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