Vestibulitis, irritative R20.8

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Zuletzt aktualisiert am: 13.10.2019

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Synonym(e)

Burning Syndrome; Dysesthetic vulvodynia; ISSVD; Vestibulodynia; Vestibulodynie; vulväre Dysästhesie; Vulvodynie

Definition

Meist chronisch persistierendes oder intermittierend auftretendes Krankheitsbild, das sich durch lokalisierte oder diffus auftretende, die gesamte Vulva betreffende Missempfindungen oder brennende Schmerzen der Vulva kennzeichnet. Die Vulvodynie ist analog zu anderen Schmerzzuständen, wie Glossodynie, Proktodynie, dem Dynie-Symptomenkomplex zuzuordnen.

Ätiopathogenese

Ursachen sind unbekannt. Es wird von einer multifaktoriellen Genese ausgegangen. Organische Vulvaerkrankungen müssen ausgeschlossen werden. Nach Ausschluss einer Grunderkrankung muss eine somatoforme Störung Betracht gezogen werden.

  • Diskutiert werden folgende Ursachen:
    • Exogene Traumata oder Irritationen
    • Lokale hyperergische Reaktionen auf bakterielle oder mykotische Erreger
    • Allergische oder irritative Reaktionen auf Deodoranzien und/oder Seifen
    • Hohe Spiegel von Oxalsäure im Urin
    • Muskelspasmen im Beckenboden.

Manifestation

Überwiegend bei älteren Frauen in der Peri- oder Postmenopause auftretend.

Klinisches Bild

Normaler klinischer Situs. Missempfindungen können über längere Zeit persistieren oder auch immer wieder durch äußere Einflüsse (Berührungen, längere mechanische Irritation z.B. durch Fahrradfahren) intermittierend auftreten. Sie manifestieren sich umschrieben, aber auch diffus über die Vulva verteilt. In vielen Fällen treten die Beschwerden spontan auf, beispielsweise bei Berührung der Vestibulardrüsenausführungsgänge.

Diagnose

Ausschluss der unter Differenzialdiagnose aufgeführten dermatologischen Erkrankungen, ggf. mittels Stanzbiopsie. 

Dauer der Beschwerden über Monate/Jahre

Klinisch unauffälliges Vestibulum

Normale Vaginalflora ohne neutrophile Granulozyten.

Keine Erreger nachweisbar

Durch Provokationsteste z.B. Emla®-Creme (Ergebnis nach 30-minütiger Einwirkzeit), kann die besondere Reaktionsbereitschaft der Haut (z.B. beim Vorliegen einer atopischen Diathese) sichtbar gemacht werden (Petersen 2005). Das ist auch hilfreich für die Patientin, da ihre somatischen Beschwerden glaubhaft gemacht werden. 

Differentialdiagnose

Vulväre Erkrankungen die analoge Beschwerden hervorrufen können:

Therapie

  • Ausschluss von lokal reizenden Substanzen.
  • Bei akuten Reizungen der Vulva nach mechanischen Belastungen (Reiten, Fahrradfahren) Linderung der Beschwerden durch Kühlung mit kaltem Wasser- oder Cool-Packs.
  • Bei zyklisch auftretenden Beschwerden (zyklische Vulvovaginitis) werden trotz häufig negativem Pilznachweis gute Erfolge mit einer oralen Langzeitbehandlung mit Fluconazol (z.B. Diflucan) erzielt. Fluconazol 150 mg/Tag p.o als Eintagestherapie 1mal/Woche über 2 Monate. Alternativ: Fluconazol 150 mg/Tag p.o. als Eintagestherapie jede 2. Woche für 2 Monate.

Therapie allgemein

  • Behandlung einer häufig vorhandenen depressiven Stimmungslage der Patientin.
  • Eruierung anderer Faktoren die mit dem erstmaligen Auftreten der Symptomatik in Verbindung gebracht werden (Partnerwechsel, traumatische Entbindung, Z.n. destruierender Lokaltherapie). Bei diesen Fällen ist eine begleitende psychosomatische Betreuung indiziert.

Externe Therapie

Lauwarme oder kalte Sitzbäder, ggf. mit einem antiphlogistischen Zusatz (z.B. Tannolact).

Langfristige Fettpflege des Intimbereiches vor jeder mechanischen Belastung der Haut mit hochwertigenn, neutralen Pflegeprodukten ohne Zusatzstoffe.  

Verlauf/Prognose

Wichtig ist es den Patientinnen zu vermitteln, dass ein Fortschritt nur in kleinen Schritten zu erreichen ist. Eine deutliche Besserung ist, druch die Chronifizierung der Symptomatik (Schmerzbahnung),  erfahrungsgemäß erst nach Monaten oder Jahren zu erreichen.

Prophylaxe

  • Unterwäsche mit Baumwolle benutzen
  • Keine engen Hosen tragen
  • Haut nicht lange nassen Badeanzügen aussetzen
  • Keine Weichspüler für Unterwäschen benutzen
  • Keine Shampoos, Seifen oder Deodoranzien an der Vulva benutzen
  • Meiden von Tätigkeiten die zu mechanischer Irritation der Vulva führen kann (Reiten, Fahrradfahren, Dauerlauf)
  • Meiden von Schwimmbädern mit stark gechlortem Wasser
  • Keine topischen Lokalanästhetika. 

Hinweis(e)

Merke! Gewarnt wird vor einer probatorischen Lokalbehandlung mit antimykotischen Salben, da hierdurch die Beschwerden eher noch verstärkt werden!

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Aerts L et al. (2015) Are primary and secondary provoked vestibulodynia two different entities? A comparison of pain, psychosocial, and sexual characteristics. J Sex Med 12:1463-1473
  2. Akopians AL et al. (2015) Vulvodynia: The Role of Inflammation in the Etiology of Localized Provoked Pain of the Vulvar Vestibule (Vestibulodynia). Semin Reprod Med 33:239-245.
  3. Edwards L (2003) New concepts in vulvodynia. Am J Obstet Gynecol 189: S24-30
  4. Lester RA et al. (2015) Provoked Vestibulodynia and the Health Care
  5. Implications of Comorbid Pain Conditions. J Obstet Gynaecol Can 37:995-1005.
  6. McKay M (1993) Dysesthetic (essential) vulvodynia. J Reprod Med 33: 695-699
  7. Petersen E.E (2005) Vulvovaginale Erkrankungen: Unterscheidung zwischen behandlungsfähigen Infektionen und anderen Ursachen. Gynäkol Geburtshilfliche Rundsch 45:5–13 
  8. Sadownik LA et al. (2012) Provoked vestibulodynia-women's experience of participating in a multidisciplinary vulvodynia program. J Sex Med 9:1086-1093.
  9. Smart OC et al. (2003) Vulvodynia. Curr Opin Obstet Gynecol 15: 497-500

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