20.04.2019

In deinem Blick finde ich Ewigkeit. Prostaglandin-Serum – ein ernüchternder Leitfaden

Ein flüchtiger, tiefer Blick in schöne Augen. Wer kennt das nicht? Mancher Augenaufschlag berührt die Seele. Aber was verleiht ihm eigentlich diese Magie? Jahrhundertelang schon denken Menschen darüber nach. Sie suchen und finden Worte, für diesen einzigartigen Moment, der so ganz ohne Worte auskommt – und doch so viel aussagt.

Ein flüchtiger, tiefer Blick in schöne Augen. Wer kennt das nicht? Mancher Augenaufschlag berührt die Seele. Aber was verleiht ihm eigentlich diese Magie? Jahrhundertelang schon denken Menschen darüber nach. Sie suchen und finden Worte, für diesen einzigartigen Moment, der so ganz ohne Worte auskommt – und doch so viel aussagt.

Blicke, die berühren, sind jedenfalls nicht ausweichend. Manchmal sind sie selbstbewusst, manchmal eher verhalten. Aber dennoch sind sie intensiv genug, um sie als Einladung zu verstehen. Als Einladung zu einem Ort, wo man selbst auch sein möchte. 

Dieses Phänomen war natürlich auch den Frauen in der Antike bewusst. Schon griechische, römische und ägyptische Schönheiten verführten mit sanft geschwungenen, dunklen Wimpern. Für ein gelungenes Maquillage verwendete man damals mineralische Farben, Kohle- und Tintenfischfarbe. Diese wurden mit tierischen Fetten und Honig haltbar gemacht.  

Um das Jahr 1850 erfand der Franzose Eugène Rimmel dann das erste nicht toxische und kommerzielle Mascara. Rimmel betrieb seit den 1830er-Jahren eine bekannte Parfümerie in der Londoner Bond Street, die den Namen „House of Rimmel“ trug. Das Produkt war revolutionär – und die gefragten Mengen konnten kaum produziert werden. In einigen Ländern heißt Wimperntusche heute noch „Rimmel“. Passend zum Mascara konnte man pflegende Wimpernprodukte, meist natürliche Öle kaufen. Diese dienten zum Abschminken und verbesserten die Geschmeidigkeit und die Festigkeit der eigenen Wimpern. 

Inzwischen bietet der moderne Kosmetikmarkt eine nicht endende Auswahl an Augen-Maquillage und Wimpern-Produkten: Wimpernoptimierung, Wimpern-Verlängerung, Wimpernverdichtung, allerlei Seren für Wachstum und Pflege. Denn der Wunsch nach schönen Augen mit perfekten Wimpern hält bei den Damen seit der Antike unverändert vor.

Seit einigen Jahren sind Gels und Seren erhältlich, die wie ein Eyeliner einmal täglich auf das Augenlid aufgetragen werden. Einige davon enthalten Prostaglandine und garantieren „ein schnelles und natürliches Wimpernwachstum ohne jegliche Nebenwirkungen“. Täglich aufgetragen sind ab etwa vier bis sechs Wochen festere und längere Wimpern und auch neues Wachstum zu sehen. Die Damenwelt ist hocherfreut, der Handel ebenfalls. 

Aber was passiert wirklich? Haben Industrie und Forschung ein kosmetisches Problem effektiv und einfach gelöst? Oder hat diese Geschichte vielleicht doch eine Schattenseite.

Mit diesem Versprechen der Kosmetikindustrie und meinem Zweifel beginnt diese Geschichte.

Unlängst stellte sich eine 27-Jährige vor, sie kam mit entzündeten Augen und berichtete über Juckreiz der Lider, brennende, rote und tränende Augen und einen für die Patientin dramatischen und plötzlichen einseitigen Visusverlust. Die ärztliche Diagnose lautete: Anteriore Uveitis. Die Uveitis bildete sich erst unter einer hochdosierten monatelangen steroidalen Systemtherapie in einem Zeitraum von sechs Monaten allmählich wieder zurück. Erst nach gründlicher Anamnese erfuhr ich von dem Wunsch dichterer und längerer Wimpern der Patientin. So ließ ich mir alle Produkte zeigen, die von ihr verwendet worden waren. Bei der Überprüfung wurden die Inhaltsstoffe des Serums offenkundig; ein Serum enthielt Latanoprost, ein Prostaglandin-Analogon. 

Eine 52-Jährige stellte sich wegen Pigmentflecken um- und in den Augen bei mir vor. Auch hier stellte sich bei der Anamnese heraus, dass sie ein Isopropylcloprostenate-haltiges Wimpernserum verwendet hatte. Die Applikation hatte innerhalb von sechs bis acht Wochen eine periorbitale, interfollikuläre bräunliche Farbveränderung verursacht, die in den kapillären Gefäßen der Haut nachweisbar war. Sonstige Nebenwirkungen traten bei dieser Patientin nicht auf. Die Veränderungen waren nach Absetzen des Wimperserums glücklicherweise reversibel. 

Beide Patientinnen hatten also wochenlang frei verkäufliche „nebenwirkungsfreie“ Wimpernkosmetika verwendet, die gleichartige Prostaglandin-Analoga enthielten.

Prostaglandin-Analoga werden in der Medizin mit gutem Erfolg und unter strenger ärztlicher Kontrolle zur Senkung des Augeninnendrucks bei Weitwinkelglaukom und bei einem erhöhten Augeninnendruck, der okulären Hypertension eingesetzt. Sie wirken über die Erhöhung des uveoskleralen Abflusses des Kammerwassers.

Diese Präparate sind aber beileibe nicht frei von Nebenwirkungen. Seit gut 20 Jahren sind diese dokumentiert. Zahlreiche Publikationen verweisen auf den Wirkstoff Latanoprost. Geläufige Nebenwirkungen sind: konjunktivale Hyperämie, Juckreiz und Erytheme der Augenlider, melanotische Pigmentierungen der Lider und der Iris, vermehrtes Wimpernwachstum, Keratitis punctata, Iriszysten, zystoides Makulaödem, anteriore Uveitis und Iritis sowie die Reaktivierung einer Keratitis herpetica. 

Seltener gravierende Nebenwirkungen sind: Keratitis punctata, zystoides Makulaödem, anteriore Uveitis, Iritis, oder der Reaktivierung einer Keratitis herpetica. All diese Fälle bedürfen einer notfallmäßigen opthalmologischen Therapie. 

Weiter finden sich die nachfolgenden, systemische Nebenwirkungen: 

Hypersensibilität der Haut, Palmarerytheme, sogar beschleunigter Stuhlgang als reversible Nebenwirkung wurde dokumentiert. (a-t 2002; 33: 27-30). In Verbindung mit Latanoprost wurden außerdem Angst, Schlaflosigkeit und Zittern festgestellt. Weiterhin manifestierten sich migräneartige Kopfschmerzen (Weston BC (2001) Arch. Ophthalmol 119: 300-301), starke Hyperhidrose (Scchmidtborn F (1998) Ophthalmologe 95: 633-4) und Gesichts-Exantheme(Rowe J.A. et al. (1997). J Ophthalmol 124: 683-5). Ungeklärt ist nach wie vor, ob der Einsatz von Prostaglandin-Derivaten in der Schwangerschaft risikolos ist.

Wimperwachstum ist nun auch eine dieser Nebenwirkungen. Eine häufige und harmlose Nebenwirkung, die sich die Kosmetikindustrie zunutze gemacht hat. Es ist seit Langem bekannt, dass die Prostaglandin-Analoga die Wachstumsphase der Wimpern verlängern und intensivieren. Die Wimpern werden dadurch länger. Die Anzahl der angelegten Haarfollikel wird grundsätzlich nicht beeinflusst. Da aber die Wachstumsphase gleichzeitig in allen Wimperfollikeln aktiviert wird, wachsen mehr Wimpern auf einmal und so erscheinen diese im Gesamtbild dichter. Dieser durchaus kosmetisch gewünschte Nebenwirkungseffekt ist reversibel. Er hält nur solange an, wie die Mittel aufgetragen werden. Eine wiederholte Intervall-Behandlung ist zum Erhalt der Wimperndichte also zwingend notwendig. 

Leider stimulieren Prostaglandin-Analoga auch die Melaninsynthese. Dieser Effekt erklärt also die oben diagnostizierten Hyperpigmentierungen der Augenlider sowie Pigmentierungen der Iris meiner Patientin. 

Es dürfte also klar sein, werte Kolleginnen und Kollegen, dass ein so gravierendes Nebenwirkungsprofil die Anwendung von prostaglandinhaltigen Wimpernseren ernsthaft in Frage stellt. Ich möchte so weit gehen, dass ich mich entschieden gegen die freie Verkäuflichkeit derartiger Substanzen im topischen Bereich ausspreche. Es handelt sich nämlich keinesfalls um unproblematische Kosmetika

Wie häufig Nebenwirkungen nach Auftragen der Wimperseren auftreten und bei welchen Produkten die Risiken am größten sind, lässt sich noch nicht exakt belegen. Die Mittel werden hierzulande als harmlose Kosmetika verkauft, womit für die Hersteller die Angaben zur Wirkstoffmenge oder zu möglichen Risiken nicht verpflichtend sind. Ich hoffe daher Ihre Aufmerksamkeit geweckt zu haben und bitte Sie, diese Information zu verbreiten. Genauere Hinweise finden sie als Fußnote zu diesem Artikel.

Blicke die sprechen, so finde ich, sind leuchtend, sie sind vielsagend, sie sind warm, nie abweisend, und nie kalt. Sie spiegeln unsere Wünsche wieder – und dies ist vielleicht mehr als nur eine Frage der Schönheit.

Ich wünsche bereits im Voraus Frohe Ostern

Herzlichst



Ihr Peter Altmeyer
 


Hinweise zu Prostaglandin Derivaten:

Inzwischen gibt es über 20 unterschiedliche Seren (Wimpern-Kosmetika). Folgende Prostaglandin-Analoga werden handelsüblich am häufigsten angeboten und verwendet (Auszug): Bimatoprost, Latanoprost,  Isopropyl-Cloprostenate (Miralash®, FaceEvolution Hairplus®), Dechloro-Dihydroxy-Difluoro-Ethylcloprostenolamide (Nanolash®, RevitaLash®), Methylamido-Dihydro-Noralfaprostal (M2 Eyelash Activating Serum®). 

Alle „Wimpern-Kosmetika“ sind frei verkäuflich. Der Blick über die Grenzen zeigt, dass in einigen europäischen Ländern wie zum Beispiel in Schweden die Verbreitung von Prostaglandin-Derivaten-haltigen Kosmetika seit 2012 verboten ist. Die kanadische Gesundheitsbehörde verbietet in ihrer "Cosmetic Ingredient Hotlist" seit 2015 Prostaglandine, ihre Salze, Derivate und Analoga als Inhaltsstoffe von Kosmetika. In den USA darf Latanoprost, das hierzulande am häufigsten verwendet wird, nicht rezeptfrei abgegeben werden.

Das Fazit dieses Exkurses lautet: Prostaglandin-Derivate sind potente Medikamente mit bekannten Wirkungen und einem ebenso bekannten Spektrum an Nebenwirkungen auch gravierender Art, die in Kosmetika nichts zu suchen haben. Hier ist dringender Handlungsbedarf geboten. 

Die Kommission für Kosmetische Mittel empfiehlt ein abgestimmtes Vorgehen aller beteiligten Behörden. Somit sind die Behörden aufgerufen den Ausführungen des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) zu folgen und diese Präparate als Kosmetikprodukte zu verbannen (Forderungskatalog in der 21. Sitzung der BfR-Kommission für kosmetische Mittel vom 18. April 2018). Prostaglandin-Analoga sind auch bei örtlicher Anwendung als Medikamente einzustufen und gehören in die Hand der Ärzte. 

Lit: Enzyklopädie Dermatologie: Wimpernverlängerung durch Prostaglandin-Analoga

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