Long QT-Syndrom I45.8

Autor: Dr. med. S. Leah Schröder-Bergmann

Alle Autoren dieses Artikels

Zuletzt aktualisiert am: 03.11.2026

This article in english

Synonym(e)

Langes QT-Syndrom; LQTS; LQT-Syndrom; Spitzenumkehrtachykardie

Erstbeschreiber/Historie

Der erste Bericht über ein LQTS stammt aus dem Jahre 1856 vom Kinderarzt Friedrich Ludwig Meissner, bei dem ein taubes Kind nach Zurechtweisung durch die Lehrerin verstarb. Fast ein Jahrhundert später beschrieben nahezu zeitgleich Anton Jervell und Fred Lange-Nielsen sowie Samuel A Levine und Clyde R Woolworth den Zusammenhang zwischen angeborener Taubheit und plötzlichem Tod von Kindern. Es dauerte aber noch weitere 40 Jahre, ehe der genetische Defekt gefunden werden konnte (Li 2022).

Desertenne beschrieb als Erster im Jahre 1966 die Torsade de pointes (Lüderitz 1938).

Definition

Beim Long-QT-Syndrom (LQTS) handelt es sich um eine Erkrankung mit Herzrhythmusstörungen insbesondere vom Typ Torsade-de-Pointes, Verlängerung der QT-Zeitinsbesondere sowie einer gestörten Repolarisation (Schulze-Bahr 2015).

Einteilung

Man differenziert beim LQTS zwischen angeborener und erworbener Form (Classen 2009).

Vorkommen/Epidemiologie

Früher galt das LQTS als ausgesprochen selten (Ulmer 2013), inzwischen weiß man, dass die Prävalenz bei 1:2.500 liegt (Herold 2025). Typ LQTS 1, 2 und 3 machen 80 – 90 % der Fälle aus (Kasper 2015).

Bei symptomatischen Patienten überwiegt das weibliche Geschlecht (Lewalter 2010).

Ätiopathogenese

Hereditäre Form:

Bislang wurden bei der angeborenen Form Varianten auf 17 Genen mit dem LQTS assoziiert (Herold 2015). Die am häufigsten auftretenden sind:

  • LQTS Typ 1: Mutation im KCNQ1-Gen mit vermindertem repolarisierendem Strom IKs
  • LQTS Typ 2: Mutation im KCNH2-Gen mit vermindertem repolarisierendem Strom IKr
  • LQTS Typ 3: Mutation im SCN5A-Gen mit verzögerter Inaktivierung des Ina-Stroms (Kasper 2025), Ausgelöst wird Typ 3 häufig in Ruhe bzw. im Schlaf (Schulze-Bahr 2015).

Beispiele für ein hereditäres LQTS sind:

  • Andersen-Tawil-Syndrom: autosomal dominanter Erbgang, verbunden mit polymorphen VES, Kleinwuchs, Skelettanomalien, periodischer Muskelschwäche (Herold 2025)
  • Jervell- und Lange-Nielsen-Syndrom: autosomal rezessiver Erbgang, mit hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit (Herold 2025)
  • Romano-Ward-Syndrom: autosomal dominanter Erbgang, LQTS 1 – 3 (Herold 2025)

Erworbene Form:

Ein erworbenes LQTS kann bedingt sein durch:

Pathophysiologie

Das LQTS gehört zu den Kanalopathien, zur Gruppe der Ionenkanalerkrankungen. Beim LQTS tritt eine funktionelle Veränderung des Ionenkanals und dessen Ankerproteinen auf. So kommt es bei Natriumkanal-Mutationen zu Depolarisationsstörungen und bei Kaliumkanaldefekten zu Repolarisationsstörungen (Antwerpes 2024).

Durch die Verlängerung des Aktionspotentials kommt es zu einer frühen Nachdepolarisation, was Torsade-de-pointes-Tachykardien begünstigt (Erdmann 2009).

Manifestation

Die Erstmanifestation der hereditären Form der Erkrankung liegt typischerweise in der Kindheit bzw. in der frühen Adoleszenz (Lewalter 2010).

Klinik

Beim LQTS kommt es zu einem anfallsweise auftretenden Herzrasen (Ulmer 2013), verbunden mit Synkopen. Diesen gehen oft Schwindel und Übelkeit voraus (Schulze-Bahr 2015).

Nicht selten treten zu Beginn einer solchen Attacke motorische Muskelkrämpfe auf (Ulmer 2013).

Bereits im Kleinkindalter können sowohl Synkopen als auch ein plötzlicher Herztod auftreten. Trigger können sein:

  • Sport
  • Schwimmen
  • plötzliches Erschrecken z. B. durch Wecker klingeln (Herold 2025)

Diagnostik

Die Diagnostik besteht aus Anamnese, Echokardiographie, EKG, Langzeit-EKG, Belastungs-EKG, molekulargenetischer Untersuchung und dem Stand-up-Test: Diagnosestellung eines LQTS nach Schwartz-Score bei > 3,5 Punkten (Herold 2025).

Bei V. a. ein LQTS sollten EKG-Messungen mehrmals erfolgen, weil die QT-Zeit:

  •  im Tagesverlauf Schwankungen unterliegt
  • durch Geschlechtshormone gesteuert wird
  • bei Patienten mit gesichertem genetisch bedingten LQTS auch normal sein kann (Herold 2025)

EKG:

Im EKG können pathologisch verlängerte frequenzkorrigierte QTc-Zeit > 460 ms nachweisbar sein (Herold 2025). Gemessen wird die korrigierte QT-Zeit anhand der Bazett-Formel (Paul 2018).

Typisch für das LQTS sind außerdem eine breitbasige T-Welle mit relativ hoher Amplitude (Schulze-Bahr 2015).

In 20 – 25 % der Fälle sind die QT-Zeiten bei den Messungen normal, so dass die Diagnose ausschließlich durch eine molekulargenetische Untersuchung gestellt werden kann (Schulze-Bahr 2015).

Labor

Eine molekulargenetische Untersuchung sollte bei V. a. ein LQTS immer erfolgen. Bei Mutationsbestätigung sollten auch genetisch eng verwandte Familienangehörige untersucht werden (Paul 2018).

Differentialdiagnose

- Epilepsie bei Auftreten motorischer Krämpfe (Ulmer 2013)

Komplikation(en)/Assoziierte Erkrankungen

Es besteht bei einem LQTS ab einer QT-Zeit von > 500 ms die Gefahr für:

Therapie

I. Bei hereditärer Erkrankung:

Akute Therapie:

  • Beim LQTS Typ 1 und Typ 2:
  • Betablocker Propanolol, Esmolol i.v.
  • Bei einer Bradykardie: temporäre Kammerstimulation (Paul 2018)
  • Beim LQTS Typ 3:
  • Kammerstimulation zusammen mit Lidocain i.v. (Paul 2018)
  • Bei ungeklärter genetischer Situation:
  • Betablocker, Magnesium und Lidocain (Paul 2018)
  • Bei Torsade-de-Pointes-Tachykardien: 2 g Magnesiumsulfat langsam i.v.
  • Ausgleich der Elektrolyte
  • Schrittmacherimplantation
  • Defibrillator bei Kreislaufstillstand mit Reanimation (Herold 2025)

Langzeittherapie:

  • Kein Wettkampfsport bei LQTS1 und 2, was aber inzwischen relativiert wurde und individuell entschieden werden sollte (Paul 2018)
  • Vermeidung von Schwimmen, Tauchen (Herold 2025) und Klettern ohne individuelle Aufsicht zur Vermeidung von Komplikationen bei kurzer Bewusstlosigkeit (Paul 2018)
  • Medikamente, die die QT-Zeit verlängern, unbedingt meiden
  • Vermeiden von Grapefruitsaft und Lakritze
  • Betablocker, bevorzugt Nadolol oder Propanolol (Herold 2025)
  • Bei Synkopen unter Betablockern bzw. überlebtem plötzlichen Herztod:
    • ICD-Implantation (Herold 2025)
  • Bei medikamentös refraktären Patienten:
    • Linksseitige sympathische kardiale Denervation (Herold 2025)
  • Mindestens 1 x / Jahr sollte ein Belastungs-EKG zur Kontrolle der Betablocker-Effektivität durchgeführt werden. Dabei sollte eine Herzfrequenz von 150/min. nicht überschritten werden (Paul 2018).

II. Bei erworbener Form des LQTSs:

Auslösende Medikamente sollten umgehend abgesetzt und durch andere ersetzt werden (Herold 2025). Insbesondere Antiarrhythmika der Klassen IA, IC und III sollten unbedingt durch andere Substanzen ersetzt werden (Classen 2009).

Die akute Therapie der Wahl stellt die i.v.-Gabe von Magnesium dar. Sollte eine hämolytische Instabilität im Rahmen anhaltender Torsade de pointes bestehen, ist eine Defibrillation erforderlich. Die Herzfrequenz sollte, um Rezidiven vorzubeugen, auf 110 – 120 / min angehoben werden (Classen 2009).

Verlauf/Prognose

Unbehandelt ist die Prognose schlecht. Behandelt hängt sie vom Phänotyp ab, je länger die QT-Zeit, desto höher ist das Risiko für einen plötzlichen Herztod (Herold 2025).

Hinweis(e)

Bei Verordnung von Medikamenten, die die QT-Zeit verlängern, sollten ein EKG und die Bestimmung des Serumkaliums regelmäßig erfolgen (Herold 2025).

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Antwerpes F et al. (2024) Long-QT-Syndrom. DocCheck Flexikon https://flexikon.doccheck.com/de/Long-QT-Syndrom
  2. Classen M, Diehl V, Kochsiek K (2009) Innere Medizin. Elsevier Urban und Fischer Verlag München 126 - 127
  3. Erdmann E (2009) Klinische Kardiologie: Krankheiten des Herzens, des Kreislaufs und der herznahem Gefäße. Springer Medizin Verlag Heidelberg 76
  4. Herold G et al. (2025) Innere Medizin. Herold Verlag 292 - 293
  5. Kasper D L, Fauci A S, Hauser S L, Longo D L, Jameson J L, Loscalzo J et al. (2015) Harrison‘s Principles of Internal Medicine. Mc Graw Hill Education 1496
  6. Lewalter T, Lüderitz B (2010) Herzrhythmusstörungen: Diagnostik und Therapie. Springer Verlag Heidelberg 275
  7. Li J (2022) Long QT syndrome: long story short. European Heart Journal 43 (48) 4976 – 4977
  8. Lüderitz B (1938) Therapie der Herzrhythmusstörungen: Leitfaden für Klinik und Praxis. Springer Verlag Berlin / Heidelberg 38
  9. Paul T, Gebauer R, Kriebel T, Schneider H, Janouisek J (2018) Leitlinie Pädiatrische Kardiologie: Tachykarde Herzrhythmusstörungen im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter (EMAH-Patienten). Leitlinie AWMF-Register-Nr. 023/022
  10. Schulze-Bahr E, Klaassen S, Abdul-Khaliq H (2015) Gendiagnostik bei kardiovaskulären Erkrankungen – Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie (DGPK). Kardiologe 9:213 – 243
  11. Ulmer H E (2013) Das Long-QT-Syndrom (LQTS): Über den lebenslangen Umgang mit einer genetisch bedingten Erkrankung. Herzblatt Sonderdruck, Deutsche Herzstiftung. https://herzstiftung.de/system/files/2023-03/ks19-long-qt.pdf

Disclaimer

Bitte fragen Sie Ihren betreuenden Arzt, um eine endgültige und belastbare Diagnose zu erhalten. Diese Webseite kann Ihnen nur einen Anhaltspunkt liefern.

Abschnitt hinzufügen

Autoren

Zuletzt aktualisiert am: 03.11.2026