Latente tuberkulöse Infektion A16.9

Autor: Dr. med. S. Leah Schröder-Bergmann

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Zuletzt aktualisiert am: 20.06.2026

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Synonym(e)

Erstes Stadium einer Tuberkulose-Erkrankung; latente Infektion mit M. tuberculosis; latente Tuberkuloseinfektion; latente tuberkulöse Infektion; LTBI; stumme Infektionsphase der Tuberkulose

Erstbeschreiber/Historie

Der Interferon-gamma-Release-Assay (IGRA) wurde in den 1990er Jahren entwickelt (Seybold 2016).

Definition

Die latente tuberkulöse Infektion (LTBI) bezeichnet das 1. Stadium einer Tuberkulose (Herold 2025). Sie ist definiert als eine immunologisch nachgewiesene Primärreaktion im IGRA bzw. THT ohne Symptome, ohne Mykobakteriennachweis und ohne Organbefund (Reinhardt 2014).

Vorkommen/Epidemiologie

In Deutschland ist die Tuberkulose seit langem eine seltene Erkrankung, aber seit 2013 steigen die Zahlen laut Robert-Koch-Institut durch Zuzug aus Hochinzidenzländern wieder. Die Zahl der LTBI-Betroffenen schätzt man weltweit auf 2 Milliarden (Seybold 2016).

Bei einem mit dem Mycobacterium tuberculosis Infizierten liegt das lebenslange Risiko, an einer behandlungsbedürftigen Tuberkulose zu erkranken, bei 5 – 10 %, sofern er immunkompetent ist (Scharberg 2004).

In den USA z.B. gehen etwa 80 % der Tuberkulose-Erkrankungen auf eine Progression einer unbehandelten LTBI zurück (Sterling 2020).

Ätiopathogenese

Die LTBI wird durch das Mycobacterium tuberculosis übertragen. Im Normalfall kommt es zu einer erfolgre Pleurakuppenschwiele ichen Eindämmung der Erreger (Herold 2025).

Damit sich aus einer LTBI eine manifeste Tuberkulose entwickeln kann, muss eine relevante Schwächung des Immunsystems vorliegen, wie z. B. bei:

  • unbehandelter HIV-Infektion
  • angeborenem Immundefekt
  • immunsuppressiver Therapie
  • im höheren Lebensalter (RKI-Ratgeber 2026)

Pathophysiologie

Bei der Erstinfektion mit dem Tuberkulose-Bakterium kommt es in Normalfall zu einer erfolgreichen Eindämmung der Erreger (Herold 2025), da durch Granulombildung eine rasche Immunkontrolle erreicht wird (Seybold 2016).

Klinik

Die latente tuberkulöse Infektion verläuft symptomlos (Herold 2025).

Diagnostik

Die Diagnose einer LTBI kann durch Screening-Untersuchungen erfolgen. Zu diesen Tests gehören:

  • der Interferon-gamma-Release-Assays (IGRA) oder
  • der Tuberkulin-Hauttest (THT)
  • eine Röntgen-Thoraxaufnahme mit Nachweis einer Pleurakuppenschwiele (Seybold 2016).

Seit Einführung des IGRA ist der Einsatz der Tuberkulin-Hauttests deutlich zurückgegangen, da die THTs weniger spezifisch sind z.B. auch nach einer BCG-Impfung mit einem positiven Ergebnis reagieren (Seybold 2016). Allerdings können sowohl der THT als auch der IGRA nicht zwischen latenter Tuberkulöser Infektion und einer Tuberkulose differenzieren (Suarez 2019 / Leitlinien 2022).

Bei einem positiven Hauttest sollte bei Personen ab 15 Jahren wegen der hohen Spezifität zusätzlich ein IGRA eingesetzt werden (Leitlinien 2022).

Die Diagnose einer LTBI kann letztlich nur dann gestellt werden, wenn eine Tuberkulose ausgeschlossen wurde (Leitlinien 2022).

Komplikation(en)/Assoziierte Erkrankungen

Bei einem kleinen Teil der Betroffenen kann es durch Verlust der Immunkontrolle zu einer Reaktivierung der Tuberkelbakterien kommen und damit zu einem klinisch manifesten Organbefall (Seybold 2016).

Die Gefahr einer Reaktivierung ist mit bis zu 40 % relativ hoch im Säuglingsalter und bei Kleinkindern bis 2 Jahre und nimmt mit zunehmendem Alter ab, bis es mit ca. 15 Jahren das Risiko von 5 – 10 % des Erwachsenen erreicht hat (Reinhardt 2014).

Therapie allgemein

Personen, die eine systemische Immundefizienz aufweisen wie z.B. Immunsupprimierte, unbehandelte HIV-Infizierte oder an dialysepflichtiger Niereninsuffizienz-Erkrankte, sollten bei nachgewiesener LTBI eine präventive Therapie erhalten. Das Risiko ist besonders in den ersten beiden Jahren nach Primärinfektion sehr hoch (Seybold 2016).

Die Prävention besteht z. B. aus:

  • einer Kombinationsbehandlung mit Isoniazid (INH) und Rifampicin (RMP) über 3 Monate oder
  • Rifampicin über 4 Monate bei einer angenommenen Medikamentenempfindlichkeit oder
  • INH über 9 Monate (RKI-Ratgeber 2026)

Wegen der höheren Compliance sind kürzere Therapien dabei zu bevorzugen (RKI-Ratgeber 2026).

Nebenwirkungen der Therapie:

INH kann zu einer Hepatitis und peripheren Polyneuropathie führen (Muntau 2018). Rifampicin führt in erster Linie zu gastrointestinalen Beschwerden und Hautirritationen (Löscher 2025).

In seltenen Fällen kann es auch unter einer präventiven Therapie zu einer Tuberkulose komme, deshalb sollte auf verdächtige Symptome kontrolliert werden. Die Wirksamkeit einer präventiven Therapie liegt zwischen 60 – 90 % (RKI-Ratgeber 2025).

Verlauf/Prognose

Nach dreimonatiger Prophylaxe sollte durch eine Röntgenthorax-Aufnahme der Verlauf überprüft werden, da im Falle einer manifesten Tuberkuloseerkrankung die Therapie angepasst werden müsste (Reinhardt 2014).

Hinweis(e)

Latent infizierte Personen sind nicht infektiös und bedürfen von daher keinerlei Isolierungsmaßnahmen. Es besteht bei den Betroffenen aber das Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung (RKI-Ratgeber 2025).

Risikofaktoren für eine relevante Progression sind:

  • HIV-Infektion
  • Geplante Behandlung mit TNF-Inhibitoren und anderen Biologika und JAK-Inhibitoren
  • Gabe von Immunsuppressiva
  • Menschen mit angeborenem Immundefekt
  • Enger Kontakt zu Menschen mit infektiöser Lungentuberkulose
  • Menschen mit schweren Grunderkrankungen wie z.B. Lymphomen oder Leukämien
  • Patienten vor geplanter Organ- oder hämatologischer Transplantation
  • Menschen aus Hochprävalenzländern für Tuberkulose
  • Dialysepatienten
  • Patienten mit i.v. Drogenabhängigkeit
  • Menschen, die längerfristig in Justizvollzugsanstalten untergebracht sind (Leitlinien 2022)

Für eine LTBI besteht KEINE Meldepflicht. Personen mit einer LTBI sollten aber in jedem Fall über mögliche Symptome einer Tuberkulose aufgeklärt werden (Leitlinien 2022).

Literatur
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  1. Herold G et al. (2025) Innere Medizin. Herold Verlag 414
  2. Kasper D L, Fauci A S, Hauser S L, Longo D L, Jameson J L, Loscalzo J et al. (2015) Harrison‘s Principles of Internal Medicine. Mc Graw Hill Education
  3. Leitlinien (2022) S2k-Leitlinie Tuberkulose im Erwachsenenalter. Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmunsmedizin e.V. AWMF-online, Reg.Nr. 020-019
  4. Löscher T, Burchard G D, Hörauf A, May J, Ramharter M (2025) Tropenmedizin: Reisemedizin – Globale Gesundheit. Elsevier Urban und Fischer Verlag 273
  5. Muntau A C (2018) Pädiatrie hoch 2. Elsevier Urban und Fischer Verlag 192
  6. Reinhardt D, Nicolai T, Zimmer K P (2014) Therapie der Krankheiten im Kindes- und Jugendalter. Springer Medizin Verlag Berlin / Heidelberg 312
  7. RKI-Ratgeber (2026) Tuberkulose. Doi: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_Tuberkulose.html
  8. Scharberg T, Hauer B (2004) Latente tuberkulöse Infektion: Empfehlungen zur präventiven Therapie bei Erwachsenen in Deutschland.  Pneumologie (58) 255 – 270
  9. Seybold U (2016) Latente Tuberkulose-Infektion und Immunschwäche. HIV and more online. Doi: https://www.hivandmore.de/archiv/2016-2/latente-tuberkulose-infektion-und-immunschwaeche.shtml
  10. Sterling T R, Njie G, Zenner D, Cohn D L, Reves R, Ahmed A, Menzies D, Horsburgh C R, Crane C M, Burgos M, LoBue P, Winston C A, Belknap R (2020) Guidelines for the Treatment of Latent Tuberculosis Infection: Recommendations from the National Tuberculosis Controllers Association and CDC, 2020. MMWR Recomm Rep 69 (1) 1 – 11
  11. Suarez I, Fünger S M, Kröger S, Rademacher J, Fätkenheuer G, Rybniker J (2019) Die Diagnose und Behandlung der Tuberkulose. Dtsch Arztebl (116) 729 -735

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