Trichinellose B75.x0

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Zuletzt aktualisiert am: 10.04.2021

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Synonym(e)

Haut und Trichinellose; Haut und Trichinose; Trichinenerkrankung; Trichinose; Trichinosis; Trichnellose Hauterscheinungen; Trichnose Hauterscheinungen

Erstbeschreiber

Owen u. Paget, 1835; Virchow, 1859; von Zenker, 1860

Definition

Meldepflichtige Wurmerkrankung.

Erreger

Trichinella spiralis; Trichinella britovi; 

Vorkommen/Epidemiologie

Weltweit verbreitet. Selten in Mitteleuropa. Vereinzelt in Osteuropa (Bulgarien, Serbien) und Griechenland. Meist sporadisch auftretend oder in kleinen Epidemien wie vor wenigen Jahren in Bulgarien (Vutova K et al. 2020) 

Ätiopathogenese

Aufnahme der Erreger durch Verzehr von larvenhaltigem Schweinefleisch. Reifen der Würmer im Dünndarm. Nach 5 Tagen: Geburt neuer Larven; diese penetrieren die Darmwand und gelangen über den Blutweg in den gesamten Organismus und verursachen zytotoxische Erscheinungen (s.u. Trichinella spiralis). 

Klinisches Bild

Das klinische Bild beginnt wie eine Lebensmittelvergiftung. Innerhalb von 24 Stunden nach Nahrungsaufnahme kommt es  zu Übelkeit, Diarrhoe und kolikartige Abdominalbeschwerden. Anfänglich noch kein Fieber. Vom 7.-11. Tag nach der Infektion beginnt die Aussaat der Larven ins Gewebe. Dies führt dann zu Fieber bis 410C,  Kopfschmerzen und Müdigkeit, Myalgien, Arthralgien; weiterhin Schwierigkeiten bei Bewegungen, Ödeme im Gesicht (Lidödeme - DD akute Dermatomyositis), konjunktivale Hyperämie, okuläre Blutungen. Makulöse Exantheme, subunguale Splitterblutungen (Vutova K et al. 2020) . Eine gefürchtete Komplikationen sind Myokarditis, Enzephalitis, Meningitis und Pneumonie. Die akute Phase der Trichin(ell)ose dauert 4-6 Wochen.

Labor

Laboranomalien äußerten sich durch eine ausgeprägte Eosinophilie (97,2 %), Leukozytose (70,8 %), erhöhte Serum-Kreatinphosphokinase-Werte (82 %) und Antikörper-positive Ergebnisse durch ELISA und indirekte Hämagglutination (Vutova K et al. 2020).

 

Differentialdiagnose

Interne Therapie

Die nachfolgenden Ausführungen sind Empfehlungen, die Ärzte bei der Behandlung und Prophylaxe nach relevanter Exposition (z.B. Verzehr von Fleischwaren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit lebende Trichinellen enthalten) unterstützen sollen (Angaben des RKI).

Bei Vorliegen entsprechender Symptome (siehe „Klinisches Bild)

Klinische Diagnostik und Labordiagnostik einleiten (inkl. Creatinkinase-Bestimmung und Bestimmung der Eosinophilen-Zahl, Serologie):

Bei unauffälligem Laborergebnis (keine Creatinkinase-Erhöhung, fehlende Eosinophilie und fehlende Antikörper): Wiederholung der Labordiagnostik nach einigen Tagen. Falls weiterhin negativ: Suche nach anderen Erkrankungen.

Positive Befunde bei Erst- oder Wiederholungstests: Kontakt mit spezialisiertem Zentrum aufnehmen, Therapieeinleitung in der Regel notwendig. Leicht infizierte Patienten erholen sich in der Regel komplikationslos unter einer symptomatischen Therapie mit Bettruhe, Antipyretika und Analgetika.

Patienten mit schweren Erkrankungen (z.B. schwere Myositis, Myokarditis, Fieber) werden mit einer Kombinationstherapie von Glukokortikoiden und Mebendazol in hoher Dosis (oder Albendazol) behandelt. Eine Wirkung von Mebendazol oder Albendazol gegen enzystierte Larven im Muskel konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Exposition innerhalb der vergangenen 7 Tage ohne Symptomatik

  • Medikamentöse Prophylaxe: Mebendazol 2 x 5 mg/kg Körpergewicht über 5 Tage.
  • Kontraindikation: Kinder unter 2 Jahren und während der Schwangerschaft (Rücksprache mit Zentrum wegen alternativer Behandlung mit Pyrantel).

Exposition vor 8-30 Tagen ohne Symptomatik

Labordiagnostik einleiten (inkl. Creatinkinase-Bestimmung und Bestimmung der Eosinophilen-Zahl, Serologie):

  • Bei Creatinkinase-Erhöhung oder Eosinophilie (> 500/µl) oder positiver Serologie: Behandlung möglicherweise erforderlich. Kontakt mit spezialisiertem Zentrum aufnehmen (die Serologie kann anfänglich noch negativ sein).
  • Negative Befunde in obigen Tests: keine weiteren Maßnahmen (Beobachtung bezüglich Entwicklung von Symptomen).

Exposition vor > 30 Tagen ohne Symptomatik

  • Keine weitere Diagnostik (Beobachtung bezüglich Entwicklung von Symptomen).

 

Prophylaxe

Ausreichendes Kochen oder Braten des Fleisches.

Prophylaxe

Gesetzliche Trichinenuntersuchung (Angaben des RKI):In Deutschland ist die unter der Aufsicht der Veterinärbehörden stehende amtliche Untersuchung auf Trichinen gesetzlich vorgeschrieben. Fleisch, das ordnungsgemäß der Trichinenuntersuchung unterzogen wurde, gilt als unbedenklich. Es gibt jedoch immer wieder Hinweise auf Lücken, z.B. bei importiertem Fleisch. Fleisch von Wildschweinen, Schweinefleisch aus Hausschlachtungen und Fleisch aus dem Ausland (speziell aus ost- oder südosteuropäischen Ländern) ist riskanter, weil es erfahrungsgemäß nicht immer untersucht wird.

Für den Verbraucher bestehen Möglichkeiten der Prävention in der Behandlung und Zubereitung des Fleisches. Abtöten der Parasiten durch Erhitzen: Temperaturen im Kern des Fleisches von mindestens 70 °C über eine Minute töten Trichinella-Larven mit Sicherheit ab. Zu beachten ist dabei, dass diese Temperaturen auch im Kern größerer Fleischstücke erreicht werden müssen; hier bestehen in der Praxis Risiken. Beispielsweise ist das Erhitzen mittels Mikrowelle keine zuverlässige Methode. Besonders sollte auch auf Reisen eine ausreichende Erhitzung des Fleisches – erkennbar am Farbumschlag von rot nach grau – beachtet werden.

Bestrahlen des Fleisches vermag die Larven abzutöten, ist aber in den Ländern der EU nicht zugelassen. Räuchern, Pökeln und Trocknen sind keine ausreichend wirksamen Maßnahmen zur Larvenabtötung. Das Abtöten der Parasiten durch Tiefgefrieren ist nur für Schweinefleisch eine sichere Methode. Im Fleisch anderer Tierarten können kälteresistente Trichinella-Arten, wie z.B. T. nativa, vorkommen.

Die für die Prävention der Trichinellose geltenden Schutzmaßnahmen sind in der Gesetzgebung der Europäischen Union für alle Mitgliedsstaaten und für den zwischenstaatlichen Handel von Fleisch in der Verordnung (EG) Nr. 2075/2005 festgeschrieben und gelten auch für aus Drittländern importiertes Fleisch.

Maßnahmen für Patienten und Kontaktpersonen: An einer Trichinellose Erkrankte sind nicht ansteckend für andere. Daher sind spezielle Maßnahmen weder für sie selbst noch für ihre Kontaktpersonen erforderlich. Falls mehrere Personen gegenüber dem gleichen verdächtigten
Lebensmittel exponiert waren, sollte deren Gesundheitszustand über mindestens zwei Wochen beobachtet werden.
Unter Umständen kann auch eine medikamentöse Postexpositionsprophylaxe angezeigt sein.

Maßnahmen bei Ausbrüchen: Bei Verdacht auf einen Trichinellose-Krankheitsausbruch sollten unverzüglich die zuständigen Gesundheitsbehörden und die Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsbehörden informiert und beteiligt werden. Es kommt darauf
an, sehr rasch den Kreis der betroffenen Personen und mögliche Ausgangspunkte der Infektion zu erfassen.

Die Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden sollten konkrete Angaben zum Erkrankungsbeginn, zur Sicherung der Diagnose und zur Anamnese des Fleischverzehrs ermitteln. Seitens der Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsbehörden sollten ggf. Lebensmittelreste sichergestellt sowie die Herkunft der Lebensmittel und der geschlachteten Tiere ermittelt werden, damit die Infektionsquelle aufgedeckt und abgestellt werden kann.

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Cortes-Blanco M et al. (2002) Outbreak of trichinellosis in Caceres, Spain, December 2001-February 2002 Euro Surveill 7: 136-138
  2. Holstein A et al. (1999) Father and son with muscle pain and loss of muscle strength. Acute Trichinosis. Internist 40: 673-677
  3. Liu M et al. (2002) Trichinellosis in China: epidemiology and control. Trends Parasitol 18: 553-556
  4. Owen R (1835) Description of a microscopic entozoon infesting the muscles of the human body. London Med Gaz 16: 125-127
  5. RKI (2021) Trichinellose, Ratgeber 
  6. Roy SL (2003) Trichinellosis surveillance--United States, 1997-2001. MMWR Surveill Summ 52: 1-8
  7. Virchow R (1859) Recherches sur le developpement de la trichina spiralis (ce ver devient adulte dans l’intestin du chien). CR Seanc Acad Sci 49: 660-662
  8. Vutova K et al. (2020) Clinical and epidemiological descriptions from trichinellosis outbreaks in Bulgaria. Exp Parasitol 212:107874.

  9. Zenker FA (1860) Ueber die Trichinen-krankheit des Menschen. Arch Pathol Anat Physiol Klin Med 18: 561-572

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