19.05.2020

Vierzehntausend Tonnen oder wer liebt das Meer?

Wir haben inzwischen alle am eigenen Leib schmerzlich erfahren, dass in einer Corona-lädierten Welt Gesetze und Verhaltensregeln zum Teil nicht zukunftstauglich sind. Italien hat dies schmerzlich erfahren müssen. Eigentlich wussten wir dies im Grunde längst...

Verehrte Kolleginnen und Kollegen,

in der Corona-Krise freuen wir uns alle, wenn wieder Normalität eintritt, aber bis dahin wird unser bisheriger „Way of Life“ täglich und heftig diskutiert. Besser, schneller, immer effektiver soll alles sein. Nun ist die große Frage, ob und wie dies möglich sein wird und ob wir selbst für unsere Gesundheit und Umwelt etwas ändern müssen, um tatsächlich ein besseres Leben nach Corona zu gestalten. Zu diesem gesellschaftsrechtlich, aber auch philosophisch und medizinisch relevanten Thema, möchte ich heute einen dermatologischen Beitrag leisten. Einen Beitrag, der ebenfalls uns alle etwas angeht und mir am Herzen liegt. Ich habe den nachfolgenden Artikel mit Herrn Prof. Joachim Barth, dem früheren Ordinarius für Dermatologie der TU-Dresden abgestimmt, der sich mit dem Thema Sonnenschutz sehr intensiv befasst hat. 

Zündende Motivation für diesen Newsletter war folgende Schlagzeile: „der Pazifikstaat Palau verbietet ab 2020 als erstes Land der Welt diverse Sonnencremes wegen erheblicher Auswirkungen auf das sensible marine Ökosystem. Hawaii, KeyWest und Bonaire werden folgen. Aber auch im Mittelmeer dürften Verbote chemischer Lichtschutzmittel anstehen. Die zweite Motivation war die Corona-Krise und der Standort, an dem ich meine Monate des Shutdowns verbracht habe. Eine kleine Felsenbucht vor Triest an der Adria; wir beobachten in dieser Zeit ein Meerwasser das täglich klarer wurde, ein Biotop, das sich mit Fischen füllte und Farben hervorbrachte, die ich bisher so nicht gesehen hatte.

Was sind also die ökologischen Schattenseiten der chemischen UV-Filter, die wir Ärzte bisher kaum bedacht haben? Wir als gestandene Dermatologen gestehen, dass diesbezüglich schon immer zwei Seelen in unserer ärztlichen Brust schlugen. Einerseits ist es einfach, dem Patienten die leicht verfügbare kosmetische UV-Protektion zu empfehlen, das Thema Nebenwirkungen dieser Sonnenchemikalien, wie die Typ IV-Sensibilisierung, die Mallorca-Acne und die polymorphe Lichtdermatose dabei zu erwähnen und den hellhäutigen Patienten zu raten, die pralle Sonne zu meiden. Andererseits ist uns die Hautkrebsprophylaxe seit Jahrzehnten eine Herzensangelegenheit.

Die Fakten: 1. Januar 2020. Palau verbietet Herstellung und Import von Sonnencremes mit den Inhaltsstoffen: Oxybenzon, Octinoxat, Octocrylen, 4-Methyl-Benzylidene Campher, Triclosan, Methylparaben, Ethylparaben, Butylparaben, Benzylparaben, Phenoxyethanol (International Coral Reef Initiative 2018). Das Verbot beruht auf den Ergebnissen einer 2017 veröffentlichten Studie (Coral Reef Research Foundation 2017) zur Verschmutzung der Unterwasserwelt am Jellyfish Lake.

30. März 2020: US Virgin Islands verbietet Vertrieb, Verkauf, Besitz und Verwendung von Sonnencremes mit Oxybenzon, Octocrylen, Octinoxate.

01. Januar 2021: Hawaii, Key West Florida: Verboten ist der Verkauf von Oxybenzon- und Octinoxat-haltigen Sonnencremes. Bemerkung: Octocrylen ist übrigens in den USA nicht zugelassen. In Europa hingegen ist Octocrylen, in 4 von 5 Sonnenschutzprodukten enthalten.

Um das Industrieprodukt Sonnenschutzmittel in Zahlen darzustellen habe wir folgendes gefunden: Das Marktvolumen an Sonnencremes 2019 lag bei 213 Mio. €., pro Kopf ca. 2,56€ (Statista.de). Für die individuell verbrauchten Mengen wird beim Auftragen im Schnitt 2 mg /cm2 Haut verbraucht. Bei einem 1,80 Meter großen Normalgewichtigen sind das ungefähr 20 bis 30 Gramm, drei Esslöffel Sonnencreme. Nach dem Baden wird neu eingecremt, ohne Schwitzen spätestens nach 3 Stunden, mit Schwitzen früher. Wer sich also 3x am Tag mit je 30 g eincremt, 7 Tage lang, verbraucht mehr als 600g an Sonnencreme pro Woche. Die Massen die ihren nahtlos eingecremten Body in die Fluten der Meere und Seen stürzen, hinterlassen also ungeheure Mengen an Lichtschutzmittel im Wasser. 

Nach Angaben der amerikanischen Meeresbehörde NOAA sind dies bei 78 Millionen Touristen 14.000 Tonnen Sonnencreme mit toxischen Stoffen, die unser Wasser und die hochsensiblen marinen Ökosysteme attackieren. Je mehr wir recherchiert haben, umso mehr ist unser Unbehagen gewachsen.

Gibt es denn nicht eine gute industrielle Antwort auf dieses Problem? Ja, sagt die kosmetische Industrie: die wasserfesten Lichtschutzpräparate. Wir waren ernüchtert als wir die Definition „wasserfest“ studierten. Unter „wasserfesten“ Sonnenschutzpräparate sind solche zu verstehen, die nach 2x 20 Minuten in Pool oder Meer bis zu 50% abgewaschen werden können. Der Begriff „wasserfest“ ist also ein inszeniertes, Verkaufsargument zur Scheinberuhigung unseres Öko- Gewissens, mehr nicht.

So sieht es auch mit anderen Verkaufsargumenten der Hersteller aus. Dem Verbraucher wird außer Wasserfestigkeit, Photostabilität, kosmetische Akzeptanz, breiter Strahlenschutz und, man glaubt es kaum, sogar ökologische Akzeptanz suggeriert. Angebote gibt es in Cremes, Hydrodispersionsgelen, Sprays, Stiften, Liposomenpräparaten, Lipoproteinmilch, Lipogels oder Cellulitestraffern mit niedrigem bis enormem Lichtschutzfaktor (LSF). Technologisch ist es heute möglich, Lichtschutzpräparate mit einem LSF von 100 zu entwickeln. Die Frage ist nur, wozu und mit welchen Wirkstoffen?

 

Oxybenzon und Octocrylen sind die ökologischen Übeltäter. Zunächst kam überwiegend Oxybenzon in die Kritik, aber leider sind die anderen synthetischen Inhaltsstoffe nicht besser. Octocrylen ist in den EU-Sonnenschutzprodukte mit Oxybenzon (Benzophenon-3) der wichtigste UV-Filter. Die Substanz ist schlecht wasserlöslich, wird nur schwer abgebaut und setzt sich deshalb besonders intensiv in Organismen und an Oberflächen ab. Italienische Ökologen von der Universität Bologna berichteten, dass die Octocrylen-Belastung in der Adria Spitzenwerte einnimmt, die für Mensch und Meer schädlich sind. Kein synthetischer Sonnenschutz konnte an der Adria so häufig im Meeresboden gefunden werden, wie Octocrylen.

Das Ergebnis der üblich gewordenen Sonnenprotektion kann jeder aufmerksame Beobachter auf Mallorca, in kleinen adriatischen Buchten beobachten, auch in Kroatien oder in allen von Touristen belagerten Küsten. Bei seitlichem Blick und abendlichem Sonneneinfall kann man immer einen in Regenbogenfarben oszillierenden Film sehen. Breit schwimmt der Ölteppich unserer Sonnenschutzmittel. Wir nehmen einer „gesunden Bräune“ wegen in Kauf, dass Toxine dem Meer „den Atem nehmen“, wie uns Menschen eine Corona-Infektion, und dass das sensible marine Ökosystem mit 14 Tonnen Lichtschutzmitteln belastet wird. 

Einmal im Wasser angekommen reichern sich die Lichtchemikalien Oxybenzon und Octocrylen unliebsam in der maritimen Umwelt an. Die bisher erwiesenen Schäden sind, eine gestörte Geschlechtsentwicklung von Fischen, toxische bis letale Effekte für marine Krustentiere, alterierte Genregulationen bei Mücken. In Palau und Bonaire entfärben und sterben nachweislich die ökologisch sensibel reagierenden Korallen. Nicht zu unterschätzen sind die Nebenwirkungen der Lichtchemikalien, wenn sie in unsere Nahrungskette gelangen. Kontaminierter Fisch und Krustentiere, Mollusken, die zu unseren Urlauben gehören, wie Sonne und Meer, gelangen in unseren Organismus und wir stehen noch am Anfang zu erforschen, wie sehr dies uns schädigen wird. Gleiches gilt für kontaminiertes Süßwasser in den Seen und unseren Trinkwasserkreislauf, da Kläranlagen die Chemikalien im Rahmen ihrer Verarbeitungsprotokolle nicht effektiv entfernen können.

Zur systemischen Resorption noch einige Anmerkungen: Es ist inzwischen medizinisches Allgemeinwissen, dass eine Reihe von UV-Protektoren, je nach Applikationsart und –menge (Spray, Lotion, Creme) in unterschiedlichem Maße direkt über die Haut resorbiert werden. Der 4. nationale Bericht des Center for Disease Control über die Exposition des Menschen gegenüber Umweltchemikalien hat aufgezeigt, dass etwa 97% der getesteten Personen Oxybenzon im Urin haben. Mit anderen Worten, die Substanzen werden je nach chemischer Struktur reichlich über die Haut resorbiert. Uns Dermatologen verwundert dies keinesfalls. Wir kennen diesen Effekt von großflächig aufgetragenen Kortisonpräparaten, aber auch von den heute vielfach genutzten Hormon- oder Schmerzpflastern die auf kleinstem Raum über die Haut definierte Medikamentenmengen an den Organismus abgeben. Somit verwundert es auch nicht, dass sich UV-Protektoren in der Muttermilch nachweisen lassen. Es kann zwischen Anwendung von UV-Filter-haltigen Kosmetika und ihrem Auftreten in der Brustmilch eine signifikante positive Beziehung hergestellt werden. Das sollte alle stillenden Mütter und deren behandelnde Ärzte aufhorchen lassen. Weiterhin sind einige Lichtschutzpräparate in den Verdacht geraten wie Hormone zu wirken. Für die UV-Chemikalien 4-Methylbenzylidencampher (4-MBC auch MBC), Ethylhexylmethoxycinnamt (Octylmethoxycinnamat, OMC), 3-Benzylidencampher (3-BC), Benzophenon-1 (BP1), Benzophenon-2 (BP2), Benzophenon-3 (Oxybenzon), wurden hormonelle Wirkungen im Tierversuch gezeigt. Für die Substanzen Homosalat(Homomenthylsalicylat bzw. HMS) Octyldimethyl-paraaminobenzoesäure (OD-PABA), und Etocrylen liegen Hinweise auf eine hormonelle Aktivität in Zellkulturen vor.

Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat Leitlinien erarbeitet, die folgendes besagen: Sonnenschutzwirkstoffe bei denen eine systemische Absorption von mehr als 0,5 ng / ml stattfinden können, müssen einer toxikologischen Bewertung unterzogen werden, einschließlich systemischer Karzinogenität. Zusätzlich sind Entwicklungs- und Reproduktionsstudien zu erstellen. Dieser Forderung schließen wir uns aus dermatologischer Sicht nachhaltig an. Insbesondere, weil es ernsthafte Studien gibt, in denen nachgewiesen wurden, dass Oxybenzon diesen Richtwert von 0,5ng/ml um das 400-fache übertreffen kann!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, fassen Sie unsere Ausführungen bitte als Aufforderung auf, zukünftig auf den chemischen Lichtschutz zu verzichten und alle Alternativen bei Ihren Patienten anzusprechen. Dies steht in keinerlei Widerspruch zu dem, was wir Dermatologen unseren Patienten predigen. Die Devise sollte, wie bei Corona auch hier heißen: Was müssen wir selbst für uns unsere Gesundheit und Umwelt ändern, welche Ressourcen brauchen wir, um zu überleben und wie sieht tatsächlich ein besseres Leben nach Corona aus. Niemand ist lebensmüde, der sich nicht nahtlos eincremt bevor er den Strand betritt und ins Wasser springt. Es genügen Strohhut, Sonnenschirm, leichte Leinenbekleidung und das richtige Maß an UV Exposition. Es kann nicht sein, dass jeder hellhäutige und sonnenentwöhnte Urlauber, am ersten Urlaubstag mindestens 5 Stunden in der prallen Sonne verbringen möchte, und dazu eine viertel Flasche UV-Protektion benötigt. Wir versichern Ihnen aus eigener Erfahrung, dass eine blasse Haut mit ein wenig Planung und ohne chemischen Sonnenschutz einer gemäßigten Bräune weicht, und zwar ohne einen einzigen Sonnenbrand. Der klassische irische Hauttypus sollte sich nicht angesprochen fühlen, da er sowieso nur unwesentlich bräunt. 

Auch für Kinder, die alles in den Mund stecken, birgt der chemische UV Schutz Gesundheitsrisiken. Die heutige Technologie bietet alternativ UV-T-Shirts an, die wassertauglich und angenehm trageleicht sind. Südländer meiden ohnehin die pralle Mittagssonne und warten, mindestens 2 Stunden nach der Nahrungsaufnahme, bevor sie ein Bad nehmen. Das wird ihnen schon in der Schule eingetrichtert.
Aus ärztlicher Sicht fordern wir, dass chemische Lichtschutzmittel hinsichtlich ihrer Zulassungen wie Pharmaka zu behandeln sind. Altzulassungen sind zu widerrufen soweit die Hersteller ihre ökologische und pharmakologische Unbedenklichkeit nicht belegen können.

Wir plädieren deshalb im Jahr 2020, auch im Sinne der notwendigen Hautkrebs-Prophylaxe für einen intelligenten, an den jeweiligen Hauttypus angepassten Lichtschutz. Der chemische Lichtschutz bedarf einer kritischen Neujustierung wegen seiner unerwünschten systemisch-pharmakologischen Nebenwirkungen und seiner gravierenden ökologischen Auswirkungen. Eine Mischung aus Sonne „Meiden und Kleiden“, sollte für den lichtentwöhnten Mitteleuropäer die ersten Urlaubstage zu einer gelungenen und verantwortungsvollen Erholung machen. 

Nach Corona wird unsere Welt eine andere sein. Wir werden vielleicht leiser und andächtiger werden. Der nötige Respekt vor der Natur, und vor seinen sensiblen Systemen gehört dazu. Wir wünschen Ihnen eine gute Zeit, wo immer Sie Ihre kostbare Freizeit verbringen. 

Herzlichst Ihre

Prof. Peter Altmeyer und Prof. Joachim Barth

(Literatur bei den Verfassern erhältlich)

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