Malassezia und atopische Dermatitis
Synonym(e)
Keywords
Atopische Dermatitis, Head- and neck dermatitis
Definition
Malassezia-Hefen sind keine klassischen exogenen Krankheitserreger, sondern obligat lipophile Bestandteile des kutanen Mykobioms. Aus pathogenetischer Sicht ist bei atopischer Dermatitis wahrscheinlich weniger die absolute Pilzmenge entscheidend als die Kombination aus:
gestörter epidermaler Barriere, veränderter Lipid- und Ceramidzusammensetzung, erhöhter Penetration von Malassezia-Antigenen, angeborener Immunaktivierung, IgE-vermittelter Sensibilisierung und Malassezia-spezifischen Th2- und Th17-Reaktionen. Malassezia wirkt damit kontextabhängig als Kommensale, Barriere-regulierender Symbiont oder inflammatorischer Trigger. Relevante Malassezia-Spezies sind:
- M. restricta: häufigste Spezies auf Kopfhaut und seborrhoischen Arealen; besonders mit seborrhoischer Dermatitis verbunden
- M. globosa: ebenfalls häufig auf Kopfhaut, Gesicht und oberem Stamm; starke Lipaseaktivität
- M. sympodialis: immunologisch am besten untersuchte AD-assoziierte Spezies; Quelle zahlreicher definierter Allergene, so der Allergene Mala s 11 und Mala s 13
- M. furfur: häufig in klinischen Sensibilisierungstests verwendet; mit Head-and-neck-Dermatitis und Pityriasis versicolor assoziiert
- M. slooffiae: gelegentlich bei atopischer Dermatitis (AD) nachweisbar
- M. dermatis:ursprünglich aus AD-Läsionen isoliert; klinische Bedeutung noch nicht abschließend geklärt
- M. japonica, M. yamatoensis, M. obtusa: seltener; je nach Region und Nachweismethode unterschiedlich häufig
Die Literatur ist hinsichtlich der dominierenden Spezies nicht einheitlich. Hierbei dürften u.a. geografische Unterschiede, Körperregion, Krankheitsaktivität, Vorbehandlung und Methodik – Kultur, PCR, ITS-Sequenzierung eine Rolle spielen. Grundsätzlich gilt, dass die atopische Dermatitis (AD) im Allgemeinen und die schwere AD im Besonderen mit einer erhöhten Sensibilisierung gegenüber der wirtseigenen Mykobiota einhergeht. Es besteht eine positive Korrelation bei der Hautbesiedlung durch Candida spp. und eine negative Korrelation bei der Hautbesiedlung durch Malassezia spp. Eine schwere atopische Dermatitis muss demnach nicht mit einer vermehrten Malassezia-Besiedlung einhergehen. Untersuchungen fanden teilweise sogar eine verminderte Malassezia-Dominanz bei gleichzeitig erhöhter Sensibilisierung. Kolonisationsdichte und immunologische Relevanz sind daher getrennt zu betrachten (Storz L et al. 2024).
Allgemeine Information
Molekulare Beeinflussung der atopischen Dermatitis: Barriere-Lipid-Mykobiom-Achse: Malassezia ist lipidabhängig und nutzt über Lipasen und Phospholipasen Bestandteile des kutanen Talgs. Dabei entstehen freie Fettsäuren und weitere Lipidmetabolite, die bei gestörter Barriere irritativ oder immunmodulierend wirken können. Bei atopischer Head-and Neck-Dermatitis wurden insbesondere verminderte Mengen langkettiger, barriererelevanter Ceramide nachgewiesen, darunter esterifizierte ω-Hydroxyacyl-Sphingosine. Daraus ergibt sich ein möglicher Kreislauf: Erkennung durch das angeborene Immunsystem. Malassezia-Bestandteile werden unter anderem erkannt durch: TLR2 und TLR4, Dectin-1 und Dectin-2, Mincle, Mannoserezeptoren, Komplementrezeptoren, vermutlich das NLRP3-Inflammasom. Betroffen sind Keratinozyten, dendritische Zellen, Monozyten, Makrophagen und Langerhans-Zellen. Malassezia kann dadurch sowohl eine Typ-2- als auch eine Typ-17-Entzündung anstoßen.
Th17-Achse: Malassezia induziert über dendritische Zellen und IL-23 eine Differenzierung beziehungsweise Aktivierung von Th17-Zellen mit: IL-17A und IL-17F, IL-22, Rekrutierung neutrophiler Granulozyten, Induktion antimikrobieller Peptide. Diese Antwort ist grundsätzlich Teil der kontrollierenden antifungalen Immunität. Bei Barrieredefekt kann sie jedoch die kutane Entzündung verstärken. Experimentell konnte Malassezia eine Typ-17-Antwort induzieren, die einerseits die Pilzkontrolle unterstützt, andererseits ekzematöse Entzündung aggraviert.
Klinik
Atopische Head-and-neck-Dermatitis: Die atopische Head-and-neck-Dermatitis ist ein klinischer AD-Phänotyp mit bevorzugtem Befall von: Stirn und Haaransatz, Augenlidern, perioraler Region, Ohren und Retroaurikularregion, Hals und Nackenregion sowie dem oberem Dekolleté. Typisch sind relativ scharf begrenzte, erythematös-schuppende Plaques die bevorzugt in talgdrüsenreichen Regionen auftreten. Häufig besteht ein Missverhältnis zwischen ausgeprägtem Kopf-Hals-Befall und geringerer Aktivität am übrigen Integument. Malassezia-spezifisches IgE ist bei diesem Phänotyp deutlich häufiger nachweisbar als bei allgemeiner AD ohne Kopf-Hals-Schwerpunkt.
Bei der atopischen Head and Neck dermatitis (HNAD) gelten Malassezia spp. Als pathogenetische Faktoren, die zu einer Verschlimmerung der HNAD beitragen. In größeren metaanalytischen Beobachtungsstudien (n=840 Patienten) finden sich bei HNAD-Patienten Gesamtprävalenzen von Malassezia-spezifischem IgE bei 79,3 % (See Tow HX et al. 2024).
Veränderung des Mykobioms: Dupilumab verbessert grundsätzlich die epidermale Barriere und verändert sowohl das bakterielle Mikrobiom als auch das Mykobiom. Ob es dabei regelhaft zu einer quantitativen Malassezia-Zunahme kommt, ist nicht belegt. Wahrscheinlicher ist eine Veränderung der mikrobiellen Zusammensetzung und der Immunantwort auf vorhandene Hefen.
Literatur
- Brodská P et al. (2014) IgE-mediated sensitization to malassezia in atopic dermatitis: more common in male patients and in head and neck type. Dermatitis 25:120-126.
- Chong AC et al. (2024) Fungal Head and Neck Dermatitis: Current Understanding and Management. Clin Rev Allergy Immunol 66:363-375.
- Gushiken-Ibañez E et al. (2026) Commensal yeast Malassezia produces tryptophan metabolites to promote tissue homeostasis via the aryl hydrocarbon receptor in mice. Nat Microbiol 11:1934-1948.
- Kozera E et al. (2022) Dupilumab-associated head and neck dermatitis is associated with elevated pretreatment serum Malassezia-specific IgE: a multicentre, prospective cohort study. Br J Dermatol 186:1050-1052.
- See Tow HX et al. (2024) Malassezia specific IgE in head and neck dermatitis of eczema: A systematic review and meta-analysis. Exp Dermatol33:e15108.
- Storz L et al. (2024) Decreased skin colonization with Malassezia spp. and increased skin colonization with Candida spp. in patients with severe atopic dermatitis. Front Med (Lausanne) 11:1353784.